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Brennende Sterne - die Geschichte des Druiden Endymions

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Endymion
Bursche / Magd
Bursche / Magd



Geschlecht: Geschlecht:männlich
Anmeldungsdatum: 13.01.2004
Beiträge: 16
Wohnort: Thessalien

BeitragVerfasst am: Sa 17.01.2004 - 12:31    Titel: Brennende Sterne - die Geschichte des Druiden Endymions Antworten mit Zitat

Brennende Sterne


Die Zerstörung Thessaliens und die Geschichte Endymion

Flüsternd grüne Wiesen, den Namen aller Winde tragend. Blau der Himmel, der sich über den Schatten formt, während die aufsteigende Sonne dicht über einen jeden Grashalm feine Strahlen sendet, bald hoch erhoben: golden Licht. Die letzten warmen Winde gleiten über das Land und berühren einzelne Blätter an immergrünen Bäumen, sie lieblich berührend, tragend. Von lieblich feinen Fingern der Natur berührt und sich warm anschmiegend: das Antlitz eines recht alten Mannes, gänzlich durch den Schatten der blauen Kapuze seines gleichfarbenen Umhanges verdeckt, während einzelne, weiße Strähnen seiner schwarzen Haare sanft zum Takt der letzten Winde wehen. Es ist ein neuer Tag angebrochen und die Natur begrüßt ihre Kinder.

Es war ein Tag, wie er ihn schon mehrere tausendmal erlebt hatte. Seine schwachschimmernde Begeisterung ließ symbolisch ausgedrückt nach, als er das ebenso leuchtende Gespenst seines Stabes in den Boden drückte und sich abstützte. Gewiss war er nicht im dem Alter, dass er ihn je nötig gehabt hätte - allerdings spielte das innere Wesen ihm schon seit einiger Zeit gänzlich andere Realität vor. Er war alt. Sehr alt und nur seine Augen drückten aus, wieviel er schon erlebt hatte; mehr noch als seine Seele je hätte aufnehmen können. Doch schlussendlich stand er hier, hier auf jenem grün bewachsenen Hügel und sah auf die großen Ebenen hinaus. Wie jeden Morgen, den er seit jenem Erlebnis immer und immer wieder lebte, seitdem alles in ihm resigniert hatte. Früher genoss er das Spektakel, dass sich ihm bot, denn als Druide von langer Ahnenreihe her, ist die Natur um und in ihm, sie fühlend, sie atmen hörend, ihren Herzschlag genießend.
Doch seit vielen Jahren schon ist sein Gefühl verstummt, seine Ohren taub. Seine Seele blind. Zehntausend solcher Sonnenaufgänge hatte er bisher erlebt, zehntausend Enttäuschungen, zehntausend wütende Schreie seiner dunklen Höhle, die einst seine Seele darstellte. Zehntausend Tränen, deren Augen er noch sieht, als es geschah. Vor rund dreißig Jahren.

Damals war er noch klein und unerfahren, sein Herz besaß Mut, Stärke und innere Ruhe, aber auch ein gesundes Maß an Skepsis und Neugierde Als ein Schüler der Schriftgelehrten und gleichzeitig Mentor der jüngeren Kinder, war er stets strebsam und wissbegierig. Seine Zensuren waren überdurchschnittlich, sein Wissen in den verschiedensten Fachgebieten ebenfalls, seine Anforderung an sich selbst sehr hoch und seine Fähigkeiten in Bezug magischer Künste mit dem Schwerpunkt der Natur überragend. Als er im fortgeschrittenerem Alter als einer der besten in den Hallen der Naturmagier abschloss, erhielt er das Angebot, einer der Schriftgelehrten zu werden und das Wissen zu studieren und weiter zu reichen. Endymion bedankte sich für das Angebot, lehnte jedoch mit der Begründung ab, er wolle seinen Horizont selbst erweitern und durch Sinneserfahrung untermauern. Sein ehemaliger Mentor und Meister Aetolos sah ihm, genauso wie die anderen Gelehrten, hinterher, während der noch unerfahrene Druide die Hallen verließ und seine Schritte noch in den entlegensten Ecken hallten. Aetolos' Blick war noch lange nichtssagend, schweigend, doch als die Pforten laut zufielen, erkannte man seinerseits ein schwaches, fast unsichtbares Kopfnicken und ein ebenso unscheinbares Lächeln: Endymion war in der Tat schon immer recht eigensinnig gewesen - Erfahrungen mussten die eigenen sein. Ein Freigeist wie er ließ sich nicht durch Mauern einsperren; er würde wie ein kleiner Vogel in seinem Käfig eingehen...

Laut knallten die Pforten. Viel zu laut, merkwürdig schallend. Für ein paar wenige Augenblicke verblieb er, regungslos, als ob ihn eine Vorahnung plagte. Doch was sollte hier noch geschehen, als dass der Staub der Zeit sich endlich niederließ und alles unter sich begrub, was sich nicht bald bewegte. Dies durfte für die Bücher und deren Leser gleichermaßen gelten. Bei dem Gedanken musste er lachen und schüttelte den Kopf, alle anderen Geistesschatten leugnend. Als sein Stock, den er sich vor einigen Jahren bereits aus einen der Ästen eines selbst angepflanzten und großbeschworenen Baumes schnitzte, den sandigen und bald erdigen, weichen Boden berührte, schien ein gehöriger Kraftschub durch seine Gliedern zu ziehen; gleich so als sehnte sich alles in ihm nach Freiheit und dem Blick auf einen eigenen, zu erforschenden Horizont. Alsbald hatte er auch die Grenze der Stadt erreicht, mit keinem rückwärts gerichteten Blick würdigte er noch die alten Mauern; nicht, weil sie ihm verhasst waren, doch wollte er nun das Neue kennenlernen, während für ihn jegliche Form solch Tempelwissens Stillstand bedeutete, obgleich es wichtig für die solide Basis eines Suchenden war. Man kann eben keine Worte verstehen, wenn man die Sprache nicht kennt. Noch weniger kann man sie hören, wenn man die Ohren verschließt.

Weit in der Ferne, durch die Sonnenwinde getragen und durch warme, aufsteigende Luft verstärkt, schimmerte ein schwach verschwommenes Bild eines hohen Berges. Die Mittagssonne brannte ungewöhnlich stark, doch angesichts des herannahenden Sommers war die Natur mehr als begierig darauf, ihre Pracht erstrahlen zu lassen. Diesen Eindruck bekam Endymion bereits durch erste, gelblich und rötlich erscheinende Blüten neuerwachter Blumen, die auf dieser Wiese mit den vielen kniehohen Gräsern geradezu einladend wirkte, einfach herum zu tollen, hindurch zu rennen, sich am Ende fallen zu lassen und einfach nur, wie er es ein kleines Kind tat, gen Himmel aufzuschauen , aus den vorbeiziehenden Wolken die schönsten Formen seiner Phantasien zu bilden. Einzig und allein die Tatsache, dass es keine Wolken gab, hinderte ihn daran, jenes Vorhaben in die Tat umzusetzen, weshalb er mit einem Lächeln seinen Gang fortsetzte, zwischen allen Blüten, die einen Pfad zum Berge hin zu bilden schienen. Im Geiste aber sprang er umher und träumte vom Blick in die Wolken. Er war eben doch ein kleines Kind geblieben, von je her.

Verschätzt hatte er sich. Der Berg schien doch weitaus entfernter zu liegen als es von weitem her den Anschein machte. Wahrscheinlich wurde eben durch dieses mysteriöse Wetter und diesen Bedingungen der Luft die Illusion erzeugt, alles wäre bei weitem näher, sprichwörtlich. Hätte er dies alles gewusst, wäre er gar nicht erst so weit von der Stadt entfernt geblieben, da er eigentlich nochmals gegen Spätabends zurückkehren und Proviant besorgen wollte. Immerhin sollte dies nur ein erster Ausflug nach Jahren des eingesperrten Studiums sein, keine Abreise für die Ewigkeit. Noch nicht.
Jedoch nutzte es nichts, sich gegen die Reise zu wehren, noch, sie schlecht zu reden, denn am Ende hatte er doch viele Schritte zurückgelegt, die nicht umsonst sein sollten. Jedesmal, wenn er seinen Stock in den weichen Boden setzte, sich abstützte und ein, zwei Schritte ging, spürte er den weichen Boden, der ihn trug und sich für den Diener der Natur opferte. Dies Gefühl war für ihn wunderbar und ein Beweis für die Güte seiner umgebenden Welt: Er war zwar Adjutant und Vollstrecker natürlicher Gerechtigkeit, ein ausführendes, lernendes Organ, jedoch auch ein geachtetes Mitglied, dem die gleiche Opferbereitschaft entgegengebracht wurde wie er sie selbst zutage legte.

Für derlei Güte und Hingabe war er äußerst dankbar und er verstand, dass ihn etwas hierher gerufen hat, das wollte, dass er sich ihm stellte. Nichts geschah zufällig, das war ihm von je her bewusst und es sollte sich auch nie ändern. Von diesem Fatalismus berührt, schritt er noch energischer voran, sich selbst darüber ärgernd, dass er so müde war. Sein Körper war Teil der Umwelt, also solle es sich am Baume als Beispiel orientieren: Egal ob Winde wehen, Stürme jagen oder Blitze zucken – einsam, still und voller Ehrfurcht aber auch Mut steht er zur Ewigkeit, steht noch tausend Jahr und sucht sich selbst inmitten aller Ruhe. Endymion wusste, dass alle Umwelt voller scheinbarer Vernunftwidrigkeit war und es viel Zeit in Anspruch nahm, den richtigen Faden an der richtigen Stelle zu ziehen. Oftmals war es daher einfacher, sich ziehen zu lassen und zu vertrauen, weswegen er jetzt die Augen schloss und mit letzter Kraft voranschritt.

Mittlerweile war es dunkel geworden und die letzten Sonnenlichter blitzten auf glatten Blättern, die bis zum Schluss ihren Morgentau behielten und so das Licht in feine Nuancen schönsten Orange spalteten. Kühle Winde zogen auf, jedoch waren sie recht schwach und hielten den Druiden nicht davon ab, den kreisrunden, sich um den Berg schlingenden Weg zu folgen, bevor die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwand. Als die zwei Monde leicht zeitversetzt den Schatten verließen, spendeten sie dem nun sehr müden, aber lächelnden Endymion Licht und Stärke. Er wollte dort hin, er wollte den Weg abschließen, wie er es gelernt hatte und die Natur war sein Zeuge. Er würde.

Als er jene zwei Wörter letztendlich umsetzte, war es tiefste Nacht. Die Monde leuchteten hell und erfüllten den Berg mit einem silberfarbenen Licht, der selbst aussah als wäre er aus purem Kristall und durch die Zeiten wie durch einen riesigen Meißel geglättet, geschliffen worden. Hier und dort spiegelten einzelne, diamantartige Steine das feine Licht ferner Planeten wieder, wodurch der Berg selbst dem Himmelszelt gleich wie ein Meer von Sternen funkelte. Endymion konnte davon zunächst einmal nichts genießen, da er auf dem Plateau an der Spitzes leicht stolperte, dabei seinen Stock verlor und mit dem Gesicht zum Staub am Boden hin niederfiel, Nahe der Bewusstlosigkeit, geisterten einzelne Bilder durch des Druidens Herz. Wie ein Aufatmen seiner Seele erschienen ihm die Gedanken, die vor seinem inneren Auge vorbeizogen, bevor sie sich wieder auflösten, nur damit im nächsten Augenblick jenes Bilderband von neuem erschien und sich vor seiner Seele alte Gedanken widerspiegelte. Mit zunehmender Zeit verschwammen die Bilder nicht mehr und hauchfein zuckten einzelne Blitze durch seine Finger, deren Spitzen über kleine Steine strichen, doch taub für jedes Gefühl waren, weswegen sich alles anfühlte, als würde er durch mehrere Lagen dicken Stoff greifen. Dünnes, fades Licht schien durch seine Augenlider, ein Funkeln aus der Ferne und silberprächtig Meer inmitten einer zwar von Dunkelheit bestimmten, jedoch hell erleuchteten, rebellischen Nacht.
Der Druide erwachte nur sehr sehr langsam, während seine Hände sich in den Boden bohrten, zumindest dies versuchten und den zu neuem Leben erwachten Körper haltend.
Glitzern funkelte über alle Gedanken, feiner kristalliner Sand, der die Sinne verließ, damit diese zu neuer Schärfe gelang. Mit neuer Kraft griff der alte Mann nach seinem am Boden liegenden Stock, um sich anschließend daran hochzuheben und auszuruhen. Zunächst erlaubte ihm ein zwischenzeitlicher Schwächeanfall für einen Augenblick nicht, die Augen zu öffnen. Doch aufgrund seiner Neugier und auch dem Trotz, dass er den ganzen Weg nicht umsonst gegangen mochte, öffnete er die Augen und sah, was er nie zuvor gesehen hatte. Über das Tal hinweg schienen beide Monde und erfüllten alles einstig Grüne in einem schwachen, matten Silber. Dort, wo sich beide Strahlen trafen, leuchteten die Blüten besonders hell und schienen so aus weißem Porzellan zu sein, welches aufgrund neu ansetzender Tautropfen, welche das Licht seidig reflektierten, wie feine Diamanten erschienen. Einzelne Glühwürmchen tanzten umher, konnten aber das Licht nicht brechen, das in dieser Nacht entsendet und durch das Sternenlicht tausendfach verstärkt wurde. Sie schwirrten daher um den Druiden, als suchten sie Schutz oder ein Wesen, das dennoch ihre Pracht entdecken mochte – was aufgrund des merkwürdig hellen, aber auch warmen Lichte schlichtweg unmöglich war. Bald mischte sich von ferneren, aber dennoch sichtbaren anderen Sternen blaues Licht verschiedenster Nuancen hinzu und schenken der einen oder anderen Pflanze, je nachdem welchen Farbton sie tagsüber trug, mal hellblaues, mal dunkelblaues leuchtend Augenschein, während am sternklaren Himmel schier unendlich viele Gestirne zum Takt der Ewigkeit schlugen, alle in ihrer Melodie und Intensität gefangen. Endymion sah diese Silbernacht, entdeckte sie immer wieder, während seine Augen langsam erste Tränen verloren. Solch Wunderwerk hatte er noch nie zuvor erlebt und er war dankbar für das Bild, das sich ihm offenbarte. Dort stand er und betrachtete das Werk, das sich ihm zeigte. Lange sah er gen Horizont und wäre noch ewig mit dem Blicke dort gefangen gewesen, wäre ihm nicht aufgefallen, dass etwas nicht stimmte.

Die Stadt. Sie war nicht erleuchtet.

Selbst fernste Berge und Hügel, Bäume und Büsche, ja sogar einzelne Eulen, die die Wächter der Nacht sind und niemals ruhen, schienen von all diesem Glanz eingehüllt – doch die Dächer seine Heimat waren dunkel, blass. Als gehörten sie nicht dorthin, als wären sie aus der Nacht herausgeschnitten worden und nicht mehr Bestandteil dieser Existenz. Angst überkam den alten Druiden und dennoch versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Der Gedanke war mehr als töricht und sicherlich nicht begründet: >>Das Licht könnte sich auch streuen oder sich gegenseitig aufheben. Schatten entstehen schließlich überall. So wird es wohl so sein<<, dachte er sich. Doch beruhigen wollte sich sein Geist nicht und er beschloss daher mit einem leisen Seufzen, selbst zur Ruhe und anschließend nach Hause zu kehren. Wieso musste ihm immer irgendwas das Glück des Momentes nehmen, fragte er sich selbst, während er sich langsam mit geschlossenen Augen umdrehte.
Diese öffnete er aber schlagartig, als er ein Pfeifen hörte. Und jenes war nicht unweit von ihm entfernt....

Endymion konnte erst nicht glauben, was ihm da seine Sinne schenkten, doch durchfuhr ihn ein eiskalter Blitz, als er erkannte, was dort über seinem Kopf hinweg flog: Ein riesiger Gesteinsbrocken mit leuchtend, feuriger Korona, riss eine breite Feuerschneise durch das Firmament, während einzelne Partikel sich loslösten und verglühten, einen schier ewig langen und breiten Schweif aus Blau-, Orange- und Gelb-Tönen. Die Luft schien förmlich zu brennen und der Gestank von verbranntem Holz stieg auf: Der Druide sah sich um und erblickte die Stadt: In der Ferne fielen mehrere, kleinere Kometen nieder und rissen feine Krater in die einst unberührte Natur. Dabei wurden riesige Mengen an Energie frei, die sich mit den natürlichen Magie-Quellen der Natur verbanden und verheerende Feuersbrünste auslösten. Die Stadt selbst schien geschützt, doch sah der Druide nach oben zum Kometen, der sich unaufhörlich nach vorn bewegte, dann zur Stadt, dann erneut nach oben. Aus der einst schwachen Vorahnung wurde Gewissheit: Dieser Komet würde alles unter sich begraben die Stadtmauern als auch die Häuer, nichts würde ihm standhalten. Dies dürfte nicht geschehen!

Gerade als seine Sinne sich langsam wieder fassten, sah er über den Dächern seiner Heimat an jenem Himmel selbst, was er erst für eine Sinnestäuschung hielt, doch waren sie viel zu real als dass sie seinen Gedanken entstammen konnten: Einzelne Gassen der Stadt selbst manifestierten sich, wurden dort abgebildet gleich einem riesigen Lichterspiel. Das in Blautönen gehaltene Monochrom zeigte verschwommen, fast schon ganz aufgelöst und mal wieder stärker schimmernd, im Winde wehend, wie die Menschen flüchteten, sich gegenseitig warnten und durch die verschiedenen Seitenstraßen irrten. Zu den bisher stummen Bildern mischten sich ferne Schreie, die von feuersatten Winden herangetragen wurden. Einzelne Kinder, die von ihren Müttern beruhigt wurden, während die Väter versuchten, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu erkämpfen. Tränen, unendlich viele Tränen und einzelne Wachen, die versuchten, die Menschen irgendwie aus der Stadt zu geleiten, doch versperrten die meisten sich selbst den Weg. Eine Ordnung gab es nicht mehr. Allenfalls Chaos.

Endymion wartete nicht mehr lange. Die Angst hatte ein Höchstmaß angenommen, während seine Finger zitterten, den Stab nur mit letzter Kraft haltend, während er drohte, das Bewusstsein zu verlieren. Drehschwindel mischte sich mit der Panik und verursachte in ihm gleich mehrere male ein Schwächegefühl, welchem er fast erlegen wäre, wäre er nicht schon immer ein Rebell gegenüber seiner körperlichen Empfindungen gewesen. Daher fasste er allen Mut zusammen und beschloss, jetzt sofort die Stadt zu erreichen, um wenigstens etwas Ordnung zu schaffen – und würde er mit Magie nachhelfen müssen. Damit er dies jedoch rechtzeitig schaffen konnte, musste er selbst schneller sein als seine Beine ihn tragen konnten, weswegen er beschloss, einen uralten Zauber anzuwenden.

Einst von namhaften Druiden als Wissen schriftlich zu den Hallen gegeben, war es das Geheimnis eines jeden naturkundigen Magiers, die Elemente der Umgebung weitaus mehr zu beherrschen als die rohe Kraft der Elemente. Wer dies Wissen erkannte, verinnerlichte und bereit war, sich selbst aufzugeben und dennoch treu zu bleiben, war imstande, für einen gewissen Zeitraum die Seele eines Druiden, aber den Körper eines Wolfes zu besitzen. Dies ging mit einer Fülle an Fähigkeiten einher, so dem schnelleren Gang, sowie den schärferen Sinnen. Es erforderte viel Kraft und Konzentration, doch war Endymion auch hier stets ehrgeizig gewesen, weswegen er mit einem Mindestmaß an Geduld und Kraft jene Form annehmen konnte, ohne selbst viel Zeit mit Fehlversuchen zu verschwenden. Trotz der Angst und trotz der mangelnden Orientierung, schloss er die Augen und konzentrierte sich nun auf seine Umgebung, alles andere ignorierend, auch die Stimmen der Stadt, der er unbedingt helfen wollte.

Während er die Worte sprach, die seit Jahren Bestandteil der Ewigkeit des Wissens aller Druiden waren, schoss warmes, goldenes Licht vom Himmel und erfüllte sein Inneres mit Kraft und Stärke. Eine der wenigen Fähigkeiten, die er bis zur Vollendung brachte, erlaubte ihm nun, sich langsam zu verwandeln, während der Zauber fast seinen Endpunkt erreichte.

Doch es sollte nicht so weit kommen.

Einer der zahlreichen größeren Meteoriten stürzte in den Berg und brachte diesen mit einer riesigen Explosion zum Beben. Der Boden schien förmlich zu tanzen, während der Sand nach oben schoss und Endymion den Halt verlor und mit dem Kopf auf einen der Steine fiel. Während er selbst in Gedanken noch gegen die aufsteigende Schwärze ankämpfte, vernahm er noch die Stimmen der Kinder, die unablässig schrien...immer heller.. und weiter.... weiter.............. weiter....




Feiner Staub kitzelte auf seiner Nase, während Licht zaghaft durch seine Augenlider drang. Von der Ferne her ein Zwitschern, Gesang wohlbekannter Vögel. Morgenluft schmiegte sich an seine Nase und schenkte ihm neue Kraft. Welch erinnerungsreiche Dürfte.
Noch mit leicht vernebelten Sinnen und doch mit neuem Mut, öffnete der alte Mann die Augen und sah zum Himmel hoch. Das Sonnenlicht tanzte sein bekanntes Spiel, während sanfter Wind ihn willkommen hieß. In der Ferne sah er Wolken, die langsam über ihn hinweg zogen, während er lachen musste: Die eine oder andere Form kam ihm doch recht bekannt vor – da sah das eine Gebilde aus wie ein Buch... mit leicht ausgefransten Kanten, das andere schien förmlich zu leuchten, sah aus wie eines dieser Fackeln an den Wänden der Hallen...
.... der Hallen...

Endymion stand von Angst ergriffen auf. Das Blut fror in seinen Adern, weswegen er bald anfing zu zittern. Erneut. Sein Stab zu seine Seite, griff er danach und drückte sich so nach oben, damit er sich umsehen konnte. Was sich ihm offenbarte, war nicht mehr die Welt, die er gestern noch kannte.

Wo einst blühende Wiesen, überzogen Krater, teils glühend, teils noch von Bränden umrandet. Das leuchtende Grün war verschwunden, die Bäume kahl oder herausgerissen, verbrannt oder durch Blitze des herannahenden Kometen gespalten. Rebellisches Grün ragte hier und da heraus, doch wurde zu viel Sand und Erde aufgewirbelt, den Boden auf lange Zeit hin zerstörend. Wo die Hitze nicht ausgehalten wurde, fanden sich Gesteinsbrocken und Glas wieder, Zeugen unvorstellbarer Temperaturen. Die Luft selbst roch nach einem Gemisch aus Kohlen und verbranntem Holz, hier und da sehr staubig und schien noch das Feuer der Vornacht zu tragen. Der Wind hob hier und da einzelne Asche und trug sie mit sich, während die Sonne selbst kühler als sonst strahlte. Selbst das Licht war hier verwundet.

Für den Druiden war dies das Ende seiner Gedanken. Als er jenen Anblick erlebte, starb in ihm etwas, was einst Quell jeglicher Kraft war. Schließlich und zeitgleich mit seiner inneren Wand, die seine Tränen bisher aufgrund strengster Erziehung zurückhielt, brach er zusammen und fiel auf die Knie: Die Stadt, die einst stolz ihre goldfarbenen Dächer präsentierte, während die hohen Stadtmauern mit ihren Wachen und den postierten Waffen, sowie den drei Türmen, die über alles ragten, für die Größe des Wissens und das Ergebnis wahrer Verbundenheit mit der Natur stand, war nun vielmehr eine Ansammlung von Ruinen, von denen einige noch brannten, wie man an den hoch aufsteigenden Rauchschwaden deutlich erkennen konnte. Die Luft des fernen Feuers trug auch noch anderes Gerüche mit, von denen ihm übel wurde. Er übergab sich nicht, doch vergrub er sein Gesicht in seine Hände. Dies war nicht seine Welt. Nicht mehr.

Lange Zeit verging, die Nacht brach heran. Die Tränen waren mittlerweile vertrocknet und in stiller Meditation versuchte er, wenigstens so Antworten von der Natur zu erlangen. Wie konnte es sein, dass das einstige facettenreiche Werk der Druiden durch das zerstört wurde, was sie zu schützen sie sich verpflichtet hatten? Ohne Vorankündigung, ohne die Spur einer Warnung. Was hatte die Natur so erzürnt? Und wieso wurde er als einziger hinausgeführt, wieso wurde er offenkundig herausgelockt und auf den einzig, relativ sicheren Ort gebracht, den man in der kurzen Zeit erreichen konnte? Für Endymion gab es hier keine Antworten mehr.

Von dieser Enttäuschung gefasst und von Bitterkeit ummantelt, beschloss der Druide zu gehen. Wohin, das wusste er nicht, doch gab es für ihn auch sonst kein Leben und die Erinnerung sollte ihn nicht weiter plagen. Wenn die Natur sich dermaßen in ihm getäuscht hatte, dass sie ihn verließ, obgleich sie ihn vorher errette, so war es nicht wert, sie zu verstehen, selbst verstanden zu werden und überdies besaß er auch keine Motivation mehr, etwas daran zu ändern: verraten und verkauft. So fühlte er sich.

Gerade als er vom Berg absteigen und hin zur nächsten, großen Hafenstadt reisen wollte, spürte er ein Beben in der Umgebung. Es war keines, das jedermann aufgefallen wäre – eher eine Verschiebung der umgebenden Sphären. Infolge dieser fast nicht wahrnehmbaren und damit besonders auffälligen Erscheinung, hob er den Blick und betrachtete den Himmel oberhalb der Stadt, der merkwürdig zwischen den Rauchschwaden flackerte, als wäre die Luft eine durchsichtige Flagge im Wind.

Während anfangs nichts zu erkennen war, konzentrierte sich schon nach einigen Augenblicken ein Bild. Gestern noch hätte ihn derlei Erscheinung beunruhigt, seit der gestrigen Nacht allerdings ist er für alles offen und bereit, seinen Sinnen mehr Erfahrung zu schenken als sie zu begreifen imstande waren. Sich ganz fallen lassend, konzentrierte sich der Druide weiterhin, sich fest auf dem Stock stützend – die letzte Nacht hat ihn doch mehr in Anspruchgenommen als er sich einzugestehen bereit war. Die Kräfte ließen langsam nach und nur schwach konnte er gegen die aufsteigende Schwäche ankämpfen, von der Bewusstlosigkeit und der Meditiationsphase über mehrere Stunden hinweg noch verstärkt. Doch sollte er den Kampf verlieren als er erkennt, was vor ihm erscheint:

Das Bild eines Mannes mittleren Alters. Ein Mensch und überdies noch vom Schatten der Kapuze verborgenes Gesicht. Hinter ihm die Krater der Meteoriten: Dieser Mann musste irgendwo dort sein! Nur wo? Und was machte er hier? Gab es noch einen Überlebenden? Der Druide fasste seinen Mut und neue Kraft, wollte sich gerade aufrichten, als er sah, wie jener Mann seine Kapuze herunterzog... und zu lächeln schien. Erinnerungen kamen hoch, aber auch ein Verdachtsmoment, das durch den freudigen Ausdruck des Mannes verstärkt wurde. Sicherheit erlangte er jedoch erst, als er sah, wie sich die Lippen des merkwürdig Vertrauten bewegten. Obschon er sicherlich nicht von den Mundbewegungen allein lesen konnte, so war er dennoch imstande, das Wort zu verstehen, das stimmlos und in ganzer Kälte und Intensität den Himmel vor Endymion förmlich durch zu stoßen schien: „perfekt“.

Er hatte „perfekt“ gesagt. Endymion brach zusammen, während er im Zuge seiner gefühlten Ohnmacht und Enttäuschung, die ihm die Tränen in die Augen brachte, einen lauten, verzweifelten Schrei stieß. Das Antlitz des Fremden veränderte sich, fast schon so als wäre er ertappt worden. Er zog die Kapuze herunter und verschwand, während sich das Bild am Horizont langsam auflöste....

Es war einer seiner Schüler, das wusste er nun, begann sich zu entsinnen. Endymion hatte ihn damals unterrichtet, bzw. wollte es. Genau, so herum, er wollte es, aber es wurde ihm verwehrt, da jener Junge viel zu aggressiv war, die Natur nicht achtete und die Zeit damit verbrachte, Bäume durch kleinere Blitze zu verletzen um die anderen Bewohner davon zu überzeugen, wie mächtig er war. Daraufhin haben ihm die Gelehrten die weitere Bildung verwehrt und ihn zu den Handwerksgilden verwiesen. Aus lauter Wut, daran erinnerte sich der Druide genau, hatte der junge Schüler einen der Ställe in Brand gesetzt. Auch wenn er es nicht beabsichtigte, so griff das Feuer über und machte somit gleich mehrere Familien heimatlos. Wie durch ein Wunder wurde niemand dabei getötet – doch verschwand er schließlich aus der Stadt um einer eventuellen Bestrafung zu entkommen. Von da an war er nicht mehr gesehen worden... Naxos. Ja, so hieß er. Genau so.

Jetzt, als er seine Züge rund zehn Jahre später sah, waren sie fast unverändert. Hier und dort zierten Spuren eines erwachsenen Gesichtes die noch recht jungen, wenn auch fast ganz verdeckten Züge. Welch Veränderung er erlebt hat, das wusste der alte Mann nicht. Aber diese Macht war ungeheuerlich und in stiller Vorahnung und auch die Machtlosigkeit erkennend, muss die Natur ihn auserwählt haben, einen, den sie warnen konnte, locken, der zu den Wenigen gehörte, die sich noch von ihrem Geschehen leiten ließ. Er erinnerte sich an den Berg, der so nah zu sein schien, das Mondeslicht, die Blumen, die Silberpracht....
... und dann an das Feuer, die Krater, die brennende Luft und die Schreie.. die Tränen...

Endymion saß auf seinen Knie am Boden, den Kopf gesenkt, die rechte Hand den Stock geradehaltend, als solle er die letzte Bastion der Vernunft sein, die den Himmel über ihn mit dem Boden verband, zu dem er sich mehr hingezogen fühlte als zum anderen Ende des Stabes. Seine Augenlider zitterten, kraft seiner Schmerzen, die seinen Körper wellenartig mit neuen Impulsen beschenkte, als würde er bei jedem Herzschlag unter Strom stehen. Schmerzen schossen durch seine Glieder und bald fing er an zu weinen. Neue Gedanken überkamen ihn, neue Schmerzen, neue Tränen, erneut die Erinnerungen der Sinnenswahrnehmungen... und eine Frage, die bisher schwach schimmerte, nun aber an Intensität gewann, als wäre sie von neuer, immenser Wichtigkeit – oder ein glühender Blitz, dessen Licht etwas erhellen, was jegliche Empfindung bei weitem übertreffen sollte... „Wieso?“
Endymion hob den Stock eine Ellenlänge hoch.... und flüsterte vor sich hin, während aus Tränen der Machtlosigkeit langsam Tränen der Wut und des Zornes wurden.....

Wieso er? Wieso musste dies geschehen? Wieso konnte die Natur sich nicht wehren, ließ gewähren und beugte sich diesem Etwas, das selbst den Wert des Natürlich nicht kennt, nicht lernen will. Er machte sich aus ihr einen Untertanen und zerstörte sie selbst, während alles Grün sich nicht einmal wehrte, nein, statt dessen wurde alles Werk zerstört, das letztendlich von allen Druiden gehegt und gepflegt wurde. Nein, statt dessen wurde die Stadt, die so viel Wissen um die Erhaltung und den Schutz der Umwelt , zerstört, niedergebrannt. Nein, statt dessen wurde Leben zerstört, junges Leben, das noch unschuldig war, sich gar keiner Fehler bewusst sein konnte, vernichtet und verbrannt, ja verbrannt. Ein anderes Wort wollte ihm nicht einfallen. Wieso. Wieso sollte alles Werden und Sein durch einen Machtstoß zerstört werden? War es denn zu schwer, etwas zu sagen, von sich zu geben. Was sollte das jahrzehntelange Studium um das Verständnis allen Lebens, wenn dieses Leben nicht mit einem Sprechen wollte? Wo war der Sinn? Wieso sollte er dies Wissen überhaupt besitzen? Wieso sollte er überhaupt etwas für diese Umwelt tun, die Leben hervorbrachte, das anderes zerstörte und das dafür auch noch ungeschoren davonkam. Was war das für eine Mutter, die mit derlei gespaltener Zunge zu ihren Kindern sprach? Und wieso tat sie es? Wieso?
Wieso....

Endymion hob den Stock noch etwas höher und rammte diesen in den Boden, sich selbst aufrichtend. Er schrie immergleiche Fragen gen Himmel, während er seinen Stab hochhob, als wolle er die Natur herausfordern. Wieso. Wieso wollte sie dies? Es war an der Zeit, dass er selbst Antworten erhielt. Er rammte den Stock abermals in den Boden, definitiv nach Antworten schreiend, sodass es selbst in den entlegendsten Ecken der Welt gehallt haben musste. Beim letzten Schlag fing die Spitze des Stabes an zu glühen.... den Auftakt für etwas bildend, dessen der Druide sich selbst im Zuge seines Zornes erst gar nicht bewusst war, jedoch bald in seiner Wut gefangen das anschließende Geschehen steuert, lenkt und vollendet:

Die glühende, weiße Kugel, die an der Spitze des Stabes immer heller wurde, entsendete, während der Druide den Stab nach oben gerichtet hielt, feine, schwach scheinende Fäden feinsten Lichtes, das sich langsam ausbreitete, während der Himmel sich zunehmend verdunkelte. >>Wieso<<, hallte es von überall her, während starker Wind aufkam und alles in dunklem Grau gehüllt war... >>Wieso<<, brach es von überall herein, gleich einer tosenden Welle auf hoher See: Selbst die Zeit schien nun nach der schier endlosen Ebbe zurück zu kehren: Wie eine riesige Wand kam sie gleich einer großen Glocke im Kreis aus weiter Ferne, den Horizont so flüssig gestalten als wäre es pures Wasser. Alles, was hierdurch erfasst wurde, verging schneller, wurde konzentrierte, während das Leben innerhalb dieser Kuppel für sich noch weiterschlug, im alten Takt. Die schwach weißen Strahlen der Stabskugel, die sich überdies langsam drehte, sendete Licht, haarscharf über den Boden, gleich einer aufgehenden Sonne und erhellte selbst die Feuer, die unbeeindruckt vor sich weiterbrannten, wie Geier, die sich auf ihr Aas niederließen.
Und die Zeit ging weiter, unbeeindruckt weiter, während die einzelnen Strahlen immer stärker strahlten, bald breiter wurden. Endymion bemerkte langsam, was um ihn herum geschah, sah zu seinem Stock auf und blickte voll Zorn zum Himmel. Wenn sich die Natur schon rächen sollte, anstatt ihm irgendwelche Fragen zu beantworten, dann wollte er nicht gehen, ohne alles, was er jetzt an Fragen hatte, zu stellen, auf dass sie daran erstickte. So viel Hass er auch zeigte, so viel Schmerzen waren dahinter auch verborgen, was sein Glück war: Die Hand, die den Stab führte, war die seines Herzens, nicht die seiner Worte.
Neuerlich nahm das Licht im Stabe an Intensität zu, als wäre es Quelle unendlicher Macht. Endymions Worte waren gar nicht verklungen, da war die Welt in tiefem Grau gehüllt, während die Zeit sich weiter schloss. Die einst schwachen Strahlen wurden heller und heller und glitten über das Land wie Schwerter magischster Herkunft und durch die Quellen der Magie selbst geklättet. Über den Druden sammelte sich ein Vortex grauer Wolken, dessen dunkle Mitte unheilvoll über den Stab rotierte, während sich spiralförmig neue Wolken von außen nach innen zogen, als wäre der Himmel ein einzig großer Strudel aus grauschwarzen Gebilden, die sich allesamt über den alten Mann versammelten. Zwischen ihnen schossen Blitze hervor, während starke Winde wehten und die Robe als auch den Bart, sowie das lange, weiße Haar des Mannes wehrlos in alle Richtungen peitschten. Nun wehten Lichterwinde vom Stabe weg und durchzogen das Land wie einen warmen Schleier einer neugeborenen Sonne, während Blitze die Luft fast zu zerreißen drohten. Sie schossen vom Boden zum Himmel, mal auch umgekehrt und so mancher Lichtbogen fuhr in den Stab, der die Energie jedoch nicht an den Träger weiterleitete, sondern nur neue Strahlen entsandte, als holte es sich von der Natur die Kraft um das zu vollenden, was der Umwelt nicht gelang.
Blitze schossen nieder und trafen die Krater. Die Macht, mit der dies geschah, verschob die Luft, weswegen ein Vakuum dort entstand, wo die geballte Energie den Boden berührte. Zentral davon ausgehend, regnete es von weit her und von allen Seiten richtiggehend Blitze nieder, fast schon eine Wand bildend und jeweils die Brände treffend, die durch mangelnde Luft gelöscht wurden.. die Feuer erstickten. Immer näher kam das Lichtermeer und löschte es zwar alles auf dem Weg, doch bedeutete es Unheil, gnadenlos den Tod desjenigen, der in der Mitte des Weges aller Donnerquellen stand. Und dies war Endymion.
Als die Blitze einzelne Brocken aus dem Berge schlugen und dieser zu Beben begann, hörte Endymion auf zu schreien, der Zorn war vergangen. Er hielt ein, da er um die Gefahr fürchtete und atmete still die elektrisierte und unheilvolle Luft. Was immer hier geschah, das fühlte er, es war genug Macht dahinter um das, was gestern Nacht erst geschah, zu wiederholen.
Und bei diesem Gedanken schossen ihm abermals Gedanken durch den Kopf... die Bilder der Männer und Frauen, deren Schreie er noch vernahm, und die Tränen der Kinder, die er vor dem inneren Auge sah, als sein Bewusstsein verschwand.
Neuerliche Wut stieg auf und mit vor Wut zitternder Hand schoss er den Stab erneut nach oben, die Arme weit geöffnet, den Himmel zurufend, es solle mit ihm machen, und er hatte das Recht darauf, dass es jetzt geschah. Er wollte bei allem was ihm lieb war, Antworten. Auch auf Kosten seines Lebens.

Die Worte kaum ausgesprochen, regnete es dutzende von Blitzen gleichzeitig in den Stab nieder, während millionenfach purer elementarer Energie durch den Stab in den Magier schoss, da das magische Holz nicht imstande war, soviel Macht zu fokussieren. Die Kugel an der Spitze selbst wurde aber unendlichfach groß und wuchs augenblicklich an, sich dem Rand der immer kleiner werdenden Zeitkuppel entgegen: Während die äußere Schale de facto kleiner wurde, wuchst das Licht von innen her heran, bis sich beide berührten.
Dies Ereignis erlebte Endymion aber nicht mehr, sonst wäre ihm der Anblick in der Seele für immer eingebrannt geblieben: An der Grenzfläche beider Wände, jene Grenze der Zeit und jene des magischen Lichtes, fand eine Vereinigung statt: Die Zeit normalisierte sich wieder, während das Licht unendlichfach heller strahlte, bald alles in tiefes weiß hüllend.. .dann Stille.
Alles schien in Samt eingehaucht, teilweise verdeckt und feine Wolken überzogen das Land, die alles verdeckten, als würde unter jenem Tuch etwas vor sich gehen, was den Augen der Beobachter verborgen bleiben sollte: während unter dem Lichternebel bald hier und da funkelnd weiße Perlen zu leben schienen. Bei genauerem Anblick waren es jedoch feine Tropfen, die über den Boden niederfielen, der durch die Blitzeinschläge zum Beben gebracht wurde. Ein einziges, braunes Meer war zu sehen, das alsbald von feinem Grün übersäht war, welches langsam aus dem Boden herauswuch. Regentropfen ließen sich auf Rosenblätter nieder, die mit Lilien als auch Veilchen zu neuem Glanz erblühten, und den Auftakt zu einer neuen Existenz bildeten. Gräser wuchsen, während einzelne besonders hoch wuchsen, jedoch bräunlich waren und sich bald überdies als Bäume herausstellten, während einzelne Ranken sich im Takt mitschlängelten, als wollten sie den neuen Himmel begrüßen.
Als der erste Baum den dichten Nebel durchstieß und seine ganze grüne Pracht entblößte, fing der Nebel selbst an, sich langsam aufzulösen, während neue Bäume heranwuchsen, während erste Eichhörnchen von Ast zu Ast sprangen, den neuen, zweiten Frühling willkommen heißend.

Einer dieser Vertreter weckte Endymion.

Ein Kitzeln, das er vernahm und von seinen Finger herrührte, weckte den Druiden. Mit einem Lächeln begrüßte er das kleine Fellknäuel, das ihm eine seine Nüsse in die Hand rollte, als wolle es ihm sagen, dass ein neuer Tag begonnen hatte. Er nahm die Nuss und steckte sie in die Tasche. Essen konnte er sie nicht, ihm war nicht danach zumute, doch war er dankbar und sagte es dem Eichhörnchen auch, das ihn doch etwas verwirrt anstarrte, bevor es dann endgültig davonlief und bald verschwand.
Endymion erhob sich und verlor fast das Gleichgewicht, als seine Augen die neue Pracht vernahmen. Sein ungläubiger Blick wanderte zum Stabe hin, welcher keinen einzigen Kratzer aufwies, der jedenfalls da nicht hingehörte, und überdies neu erstrahlte. Der morgendliche Wind, der seinen Rücken traf, wehte ihm seine Haare an den Augen vorbei, die nun allesamt weiß waren, jedoch von einer merkwürdigen Intensität gefasst. Ein Lächeln wollte sich dem Druiden aufsetzen, doch verlor dieser jede Kraft als er zwischen all dem Grün und dem neuen Leben in der Ferne die Ruinen sah. Seine Stadt.

Doch Wut wollte sich ihm nicht aufzwingen. Er hatte auf all seine Fragen zwar keine Antworten vernommen, doch wachte er mit welchen auf, als wären sie ihm eingebrannt worden. Die Natur konnte für all dies nichts, sie war letztendlich Sklave einer schier unbändigen Macht, so stark gar wie jene, die er bereits erlebte. Sie hatte ihn gewarnt, obgleich andere auf ihren Ruf nicht hören wollten – zu weit hatten sie sich bereits distanziert. Die Natur weinte um jeden, und der Schmerz war riesengroß. Sie selbst konnte sich wieder heilen, doch nicht die Stadt, die Menschenhand entsprang. Der Druide verstand diese Logik, doch spendete sie ihm kaum Trost. Wut spürte er jedoch als er den Wunsch seiner Umwelt vernahm, die Rache schwor und ihn bat, jenen zu finden, der dies Werk vollbrachte. Nicht, um Blut zu sühnen, sondern um zu verhindern, dass sich derlei Werk wiederholt.

Endymion spürte den Zorn. Was verlangte sie von ihm? Er sollte sich wirklich dem unterordnen, was schon einmal bezwungen worden ist? Keine Rast, kein Mitleid, kein Einfühlungsvermögen für die Toten, als wären sie durch bloße Rache ersetzbar? Wo war der Sinn, wo war die Güte? Nein, das war nicht sein Kampf. Nicht mehr. Nie mehr.

Der Druide sah sich noch ein letztes mal um und drehte sich. Der Natur und dem fernen, einmaligen Donnern den Rücken zukehrend....



Endymion dreht sich um, wie er es an der Stelle schon vor zehntausend Tagen getan hatte. Damals schwor er sich, dass er nie wieder Magie anwenden würde, um sein Werk zu vollenden. Was er damals erlebt hatte, war nichts, wovon er je wissen wollte. Er strebte eine friedliche Koexistenz mit allen Wesen an, kein Herrschen und Beherrschen. Keine Toten mehr. Nie mehr.

Damals hatte der alte Mann sich mit seinen neuen Kräften eine kleine Hütte, unweit von den Ruinen gebaut. Mit der Zeit wuchs sie, zumindest etwas, und so waren auch die Winter behaglicher. Häufig ritt er mit einem seiner Pferde aus und kümmerte sich um den Wald und die umliegende Natur, die er zu schützen gedachte, wann immer es ging. Schließlich war dies auch sein Kind. Und so ritt er häufig aus, wenn der Morgen anbrach um den neuen Tag Willkommen zu heißen und sich ans Tagewerk zu setzen. Zwar hatte er nie wieder das Gefühl für den Augenblick, das er damals, als er noch andere Ideale und Werte besaß, fühlte, und Leere begleitete all seine Bilder, doch schwor er sich, niemals die Schönheit der Natur zu vergessen – auch wenn es nicht mehr die seine war. Und nachdem er sich dessen bewusst wurde, immer und immer wieder, beschloss er, zum Wald hinauszugehen und nach dem Rechten zu sehen, um anschließend spät Abends zurückzukehren.

Doch nicht heute.

Ferne Boten und einstige Bekannte des Druiden hatten ihm Kunde von einer zerstörten Stadt gebracht, die weit weit entfernt lag. Dies wäre aber kein Werk des Krieges, einer Belagerung gewesen. Ungewöhnlich sei, dass sie aus heiterem Himmel von einem ganzen Meteoriten- und Blitzregen erfasst und zerstört wurde, noch ehe jemand fliehen konnte. Sie, die Boten, wüssten von einem ähnlichen Fall, ihrer eigenen Heimatstadt. Sie fürchten sich vor einer weiteren Wiederholung der Geschichte und baten um Hilfe.

... Und damit hatten sie einen wunden Punkt in Endymions Seele getroffen, die Erinnerung, die ihn heute morgen begleitete und ihm bewusst machte, dass schlussendlich die Geschichte sich eben doch wiederholte und wiederholen würde, wenn er sich nicht aufmachte. Und noch etwas wusste er mit Bestimmtheit: Hätte er sich schon damals auf die Suche nach dem dunklen Druiden begeben, hätte es eventuell keine weiteren Opfer gegeben. Doch musste Hass, Wut und schlussendlich auch Feigheit herhalten, dessen Erliegen er sich nun selbst zum Vorwurf machte. Er besaß Hass, ja, Wut überdies... aber auch daraus resultierender Mut und neue Kraft. Doch wie sollte er jenes Wesen finden, vor allem aber auch: mit welcher Macht? Was er über die Magie wusste, war nur noch rudimentär vorhanden und mischte sich mit der Vergangenheit zu einem milchig trüben See, der den Blick nicht bis zum Grund offenbarte, sondern stets verschleierte.
Doch auf diese Fragen fühlte er, als er ziellos losreiten wollte, bereits die Antworten, so sicher wie er sie schon einmal besessen hatte. Damals, als er nach einem unendlich langen Schlaf erholte und in einer neuen Welt erwachte: Er solle die Ebene durchwandern und Beweise sammeln, fragen aber auch finden, sein Stab werde ihm den Weg weisen, wenn er auf dem richtigen Pfade sei und die Zeit würde ihm die nötige Erfahrung schenken, die er bräuchte, um bald ein Großmeister dessen zu sein, was er einst beherrschte, ja „beherrschte“, denn die Natur selbst sollte sein Untertan werden, wenn die Zeit dafür reif war. Wenn....

Die Zeit drängte. Endymion sprang auf sein weißes Pferd, hob noch ein letztes mal mit den Hufen des Pferdes hoch und balancierte mit dem Stab gen Himmel gerichtet, um der Natur zu zeigen, dass sie abermals einen Mitstreiter gefunden hat, der sich diesmal durch nichts und niemanden von seinem Vorhaben abbringen ließ, während er seiner eigenen, kleinen Welt, den Ruinen aber auch dem Haus, das im Schatten dieser lag, versicherte: Er würde wiederkommen. Er würde eines Tages wiederkommen.

Und dann drehte er sich um, und ritt den breiten Weg vom Berg hinab, zum Hafen hin und anschließend zur Saalischen Ebene. Es wurde an der Zeit, sich auf den Kampf vorzubereiten....

... und in der ferne ein Donnern, das so viel Erinnerung trug wie noch am ersten Tag. Damals, als der Himmel brannte....

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