8. Der Werwolf im Schrank
Inzwischen waren Sebastian und Nadine in der düsteren Eingangshalle des Schlosses angelangt und standen einem riesigen alten Portrait eines Mannes gegenüber, zu dessen Füßen drei Kinder saßen - der älteste sah sehr blass aus und der zweitälteste hatte schon, obwohl er wahrscheinlich erst elf Jahre alt gewesen war, einen ausgeprägten Bartwuchs. Der Jüngste hatte einen Edelstein in der Hand, der dem des Gnomes auf erschreckende Weise ähnlich sah.
`Was kann das nur bedeuten und warum sieht mir der Blasse so ähnlich?`, dachte Sebastian und ging etwas näher an das Bild heran. "Was ist das, siehst du den Schlüssel an einer Kette, die um den Hals des älteren hängt und auch aus dem Bild heraus, auch?", wandte er sich an Nadine.
'Das wird doch nicht etwa mein Vorfahr sein, den der alte Graf mit Lysinda gezeugt hat? Dann müsste der alte Herr auf dem Bild ja der Graf sein? Aber wer sind die Brüder?', sinnierte er weiter laut. Nadine nahm inzwischen den Schlüssel in Augenschein.
"Ich glaube eher, dieser blasse Junge ist der Graf und das sein Vater und seine Brüder, aber wofür ist nur dieser Schlüssel?", sagte Nadine und gab Sebastian zu verstehen, dass er eine Räuberleiter machen sollte, damit sie den Schlüssel näher betrachten konnte. Kaum war sie auf Augenhöhe mit dem Schlüssel, als Lysinda und ihr Gemahl die Halle betraten. "Halt, nicht den Schlüssel berühren!", rief Lysinda, doch da war es auch schon zu spät, Sebastian erschrak, Nadine drohte zu stürzen und hielt sich an Kette und Schlüssel fest, so dass er im Fallen aus dem Bild gerissen wurde und dieses laut von der Wand krachte - und einen großen stählernen Schrank frei gab, welcher in einer Nische hinter dem Bild gestanden hatte.
"Egal was passiert - öffnet nicht den Schrank", rief jetzt auch der Gnom aufgeregt.
Der Gnom Dogo rannte mit seiner Frau Lysinda auf Sebastian und Nadine zu, um sie am Öffnen des Schrankes zu hindern, doch Nadine war schon ganz im Bann des Schlüssels und steckte ihn in das Vorhängeschloss, was der Schrank, beziehungsweise sein Inhalt mit einem lauten Knurren quittierte.
"Halt, Nadine, dort könnte Gorad der Werwolf eingeschlossen sein. Wir dürfen ihn auf keinen Fall freilassen!", versuchte Dogo das Mädchen zurückzureißen.
"Rennt!", rief Lysinda, als sie sah, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. "Wir müssen nach oben, hier und im Freien haben wir keine Chance gegen ihn." Während sie die letzten Worte sprach, fingen alle an Richtung Treppe zu laufen und konnten nur noch aus den Augenwinkeln sehen, wie sich die Tür zu dem 3,50 m großen Werwolf öffnete.
Aus dem Dunkeln des Schrankes blinkten ihnen zwei rot glühende Augen entgegen. Ein leises Schnüffeln ertönte und lautlos, was bei seiner Masse erstaunlich war, schlich er sich aus seinem Verlies.
Doch auf einmal rasselte eine dicke Kette hinter ihm her aus dem 'Schrank', die ihn daran hinderte, sich vollends aus seinem Kerker zu befreien. Der Schrank war offensichtlich nur die Verschlussklappe eines riesigen Raumes, in dem man ihn eingekerkert hatte.
"Da haben wir aber gerade noch mal Glück gehabt", sagte Sebastian erleichtert, als er sah, dass das Monstrum nicht näher an sie heran konnte.
"Fühl dich nicht zu sicher", mahnte Dogo, "siehst du nicht das zerbrochene Kettenstück an seinem rechten Arm? Lauft nach oben, ich beobachte ihn weiter!"
"Ist gut, aber pass auf dich auf", bat Lysinda ihn eindringlich, bevor sie zusammen mit Nadine und Sebastian die Treppe hinauf in die erste Etage verschwand.
"Bruder, wo hast du unseren Neffen und eure Frauen hingeschickt? Willst du deinen lieben Bruder nicht vorstellen?", knurrte der Werwolf und riss an seinen Ketten. "Mach mich los, ich will sie begrüßen!"
"Du bleibst dort, wo du bist. Auch wenn du nichts dafür kannst, dass du zum Werwolf verwandelt bist. Aber eine Gefahr bist du trotzdem", knurrte Dogo zurück. Betroffen wich der Werwolf zurück. "Ich werde einen Weg finden, dich zurückzuverwandeln. Wenn nicht ganz, dann aber so, dass du niemanden gefährdest. Aber solang musst du hierbleiben."
"Du willst einen Weg finden", rief der Wolf spöttisch. "Dann suche mal! Ich bin schon mein ganzes Leben lang auf der Suche und kann dir sagen, dass du keinen Erfolg haben wirst."
Sprach er und riss mit Urgewalt an seiner Kette, so dass ein Glied nachgab und ihm die Freiheit schenkte. "So jetzt solltet ihr laufen, ich hab euch liebe Verwandte, die ihr mich hier Jahrhunderte eingesperrt habt, nämlich zum Fressen gerne."
"Nur nicht so übermütig", versuchte Dogo die Bestie zu beruhigen. "Zusammen werden wir sicherlich ein Gegenmittel finden. Da bin ich mir sicher."
"Mich können nur die Frauen beruhigen. Stell sie mir vor! Los!", knurrte er. Eigentlich war ihm die Große ja egal, er hatte nur Augen für die hübsche Kleine, die ihm die Tür aufgemacht hatte. Die konnte man wirklich 'zum Fressen gerne' haben.
Könnte sich hier nicht eine Art Zuneigung entwickeln? Ich habe da an die Schöne und das Biest gedacht!"




