Mir Beagans Hilfe wurde die Kluft schnell gefunden. Ein paar Knechte auf dem Weg waren kein Hindernis. Auch die ersten Räume der Kluft waren eher lächerlich zu nennen. Schon fragten sich die Freunde, warum die Kluft überhaupt als schweres Verlies gelte.
Nun waren sie schon ein ganzes Stück weit vorgedrungen. Gerade wollten sie einen schmalen Gang durchqueren. Khamul wollte schon losstürmen. „Haaaaaalt“ rief Annelie „Eine Falle!!!“ Khamul blieb sofort stehen. Er schaute angestrengt den Gang entlang, betrachtete Wände, Boden und Decke mit höchster Aufmerksamkeit, konnte aber rein gar nichts entdecken. Verwundert drehte er sich um. Annelie fachsimpelte mit Beagan. „Diese Falle lässt sich nicht umgehen.“ Meinte Beagan. „Ist eine von der gefährlichen Sorte. Man kann versuchen, sie durch Springen zu überwinden, jedoch ist der Sprung meist zu kurz. Dann kann man nur noch versuchen, schnell zu rennen, um möglichst wenig abzubekommen.“ Annelie nickte ernst. Hier zeigte sich der Wert eines Diebes: Ohne Beagan hätte Annelie die Falle nicht entdeckt.
Beagan und Annelie betraten den Gang als Erste. Vorsichtig schlichen sie sich voran, immer mit Blick auf den Fußboden, schließlich machten sie nur noch winzige Tippelschritte und blieben an einer bestimmten Stelle stehen. Annelie drehte sich zu den anderen um: „Merkt Euch diese Stelle gut! Genau hier beginnt die Falle. Wir werden jetzt versuchen, sie zu überwinden, Ihr kommt uns dann hinterher.“ Khamul und die anderen nickten. Beagan und Annelie sprangen. Die Falle wurde ausgelöst, aber sie kamen fast ohne Kratzer davon. Auch Ming und Stella gelang das ganz gut. Weniger Glück hatten Darre und Ake. Doch auch sie kamen mit leichteren Verletzungen davon und brauchten noch keine Heilmagie.
Kurz darauf trat man durch eine Tür ins Freie und fand sich am oberen Rand einer tiefen Schlucht wieder. Ein Weg wand sich spiralförmig ins Tal. Sie schauten in die Tiefe. „Hier sollten wir besser springen“ sagte Beagan. „Die Erscheinungen, die diesen Weg bewachen, sind zu stark für Euch.“ Er zwinkerte nachsichtig. „O.k.“ sagte Khamul, zauberte seinen Schwebefall und so konnten sich alle gefahrlos hinunterfallen lassen. Unter der Führung Beagans schlich man sich nun am Fels entlang in Richtung Süden, er meinte, man sollte sich bemühen, möglichst wenig Tote zu wecken. Stella beäugte mit einem Schauern den verfluchten Boden. Ake bemerkte das und nahm sie kurz in den Arm. Beide flüsterten ein geheimes Gebet. An umgestürzten Säulen vorbei gingen sie auf den Eingang einer Gruft zu, in der Beagan glaubte, die Crona Kiga zu wissen.
Als sie an einem rechteckigen Wasserbecken vorbeikamen, gab es plötzlich ein Geräusch, wie wenn Stoff zerreißt. Aber es war kein Stoff, es war der Boden, der sich auftat und vier unheimliche Gestalten erscheinen ließ. „Zombies“ sagte Khamul tonlos. Schauer liefen ihm den Rücken herunter. Er war noch nicht erfahren genug, diese Monster zu analysieren, aber er wusste genug, um sagen zu können, dass das die stärksten Monster waren, die sie bisher zu bekämpfen hatten. Khamul und Ming zauberten abwechselnd Gift. Ming richtete dabei pro Spruch etwa den doppelten Schaden gegenüber Khamul an. Er lächelte in sich hinein und berührte heimlich sein mächtiges Amulett. Stella und Annelie sprachen ab und zu „Untote vertreiben“, einen mächtigen Spruch, der allerdings viel Mana kostete, weshalb sie ihn so sparsam wie möglich einsetzen wollten.
Die Zombies konnten mit ihrem Zauberspruch „Verwunden“ und auch mit ihren faulen Gliedern mächtigen Schaden anrichten. Erschwerend kam hinzu, dass sie alle zwei Leben hatten: Wenn man meint, man müsste „nur“ gegen vier von ihnen kämpfen, wird man acht töten müssen, bevor sie endgültig besiegt sind. Die Freunde konnten wirklich stolz sein, aus diesem Kampf als Sieger hervorzugehen. Auch waren sie mit ihrer Zauberkraft sparsam genug umgegangen, um sich ein weiteres Vordringen zuzutrauen. So traten sie denn in die Gruft ein.
Hier warteten nicht minder schwere Gegner auf sie: Skelettkrieger! Auch diese waren zäh, schlugen kräftig zu und hatten zwei Leben. Nachdem sie die ersten zwei (also vier) getötet hatten, entdeckte Annelie sofort eine Klappfalle, von der Art, wie sie sie schon aus Burg Anskram kannten. Neugierig löste sie die Falle mit der Fußspitze an, die Wand klappte um, sie stieg auf, schaute zu den anderen hin und gab das Zeichen, ihr zu folgen. Nur Beagan und Khamul ließen sich darauf ein, die anderen zogen es vor, im Gang zu warten.
Die Wand klappte mit den dreien zusammen zurück. Annelie tastete die Wand ab, tatsächlich, dort war eine Mauernische! Sie öffnete sie und sah dahinter: eine schwarze Truhe! Ihre Augen leuchteten. Fragend schaute sie Beagan an. Der untersuchte die Truhe sorgfältig und runzelte dann die Stirn. „Nein, Mädel, das wird nix“ sagte er kopfschüttelnd „Das schaffen wir nicht einmal zusammen, um diese Truhe zu entschärfen, braucht es wohl zwei Meister. Jeder Versuch wäre unser aller Tod.“ Annelie war einen Moment traurig, dann besann sie sich und sagte mit dem ihr eigenen Lebensmut: „Dann müssen wir eben später noch mal wiederkommen!“ Sprach’s, öffnete die Wand über den versteckten Schalter und gelangte mit den anderen beiden zurück in den Gang.
Alle gemeinsam setzen nun den Weg durch den langen Gang fort, der mehrere Quergänge hatte. In jedem dieser Quergänge lauerten zwei (also vier

) Skelettkrieger. Es gab Nebenräume, die man vernachlässigte, um nicht noch mehr dieser harten Kämpfe ausfechten zu müssen, als unbedingt nötig war. Den Hauptgang musste man aber säubern, um sich einen sicheren Rückzugsweg zu schaffen. Dies hatte Beagan mehrfach betont und die Freunde sollten bald erfahren, warum dies so wichtig war.
Durch eine Tür betraten sie einen größeren quadratischen Raum, in welchem wiederum Skelettkrieger warteten. Als diese besiegt waren, blieb Beagan stehen. Die Anspannung war ihm anzusehen. „Folgendes“ begann er und deutete auf einen kurzen, dunklen Gang und die Tür an seinem Ende. „Dort ist es. Dort liegt die Crona Kiga. Sie wird von 16 Mumien bewacht. Diese sind jede einzeln etwa doppelt so stark wie ein Zombie, aber es sind eben 16! Also vergesst gleich die Idee, sie töten zu können.“
Er machte eine Pause, schaute dabei jedem einzelnen in die Augen, alle hörten gespannt zu. „Wir müssen versuchen, die Mumien zu überlisten. Sie werden schlafen, wenn wir den Raum betreten. Verhaltet Euch leise, geht nicht zu nah an sie heran, am besten, ihr schaut gar nicht hin.“ Nochmals machte Beagan eine Pause und atmete tief durch. „Die Crona werdet Ihr sicherlich gleich sehen, sie liegt auf einem Sims etwa in der Mitte des Raums. Daneben stehen zwei Truhen, diese sollten wir zuerst öffnen. Wenn wir Glück haben, bemerken die Mumien das noch nicht. Allerdings werden sie ALLE gleichzeitig aufwachen und auf uns zustürmen, sobald wir die Krone nehmen! Dann heißt es: Beine in die Hand, so schnell wie möglich im Zick-Zack-Lauf raus aus dem Raum und durch die Gänge rasen, bis wir die Gruft verlassen haben. Da die Mumien an die Gruft gebunden sind, werden sie uns dort nicht weiter verfolgen können.“
Stella schaute skeptisch. Ob ihnen das gelingen kann? Sie war voller Angst. Auch den anderen schlotterten die Knie. Allerdings waren sie so weit gekommen, dass sie nun nicht umdrehen wollten, ohne es wenigstens versucht zu haben. Sie gingen also Annelie hinterher in den schmalen Gang, wichen nach ihren Anweisungen einer weiteren Falle aus und betraten schließlich leise den Raum. Dort lag sie nun und strahlte: Die Crona Kiga! Purpur und violett, mit Gold und Edelsteinen besetzt, in ein geheimnisvolles Licht gehüllt. An den Wänden standen die Mumien. Ihr Anblick ließ die Freunde erschauern. Schnell senkten alle den Blick und nahmen sich vor, nicht mehr hinzuschauen, aber sie fühlten sich beobachtet und waren sich nicht sicher, ob die Toten denn wirklich schliefen.
Annelie öffnete die Truhen. Es fanden sich wertvolle Gegenstände darin, die zunächst Khamul alle in seinem Rucksack verstaute. Man war viel zu aufgeregt, um sich jetzt über eine Verteilung Gedanken zu machen. Alle machten sich schon fertig zur Flucht. Beagan und Darre waren zur Tür zurückgekehrt, um sie rechtzeitig öffnen zu können. Alle anderen blieben bei Annelie, um sie zu verteidigen, wenn es nicht anders ging. Für sie kam es gar nicht in Frage, eigene Wege zu gehen, dazu hatten die gemeinsamen Abenteuer sie schon zu eng zusammengeschweißt.
Annelie sagte leise „Achtung“ dann nahm sie die Krone und alle liefen los. Beängstigend schnell schloss sich der Ring der sofort aktiv gewordenen Mumien, aber wie durch ein Wunder gelang es den Freunden, ihnen auszuweichen und zur Tür vorzudringen. Diese war geschlossen, von Beagan und Darre nichts zu sehen. Die Zeitverzögerung, die man zum öffnen brauchte, reichte aus, dass eine Mumie Ming so stark erwischte, dass er sein Bewusstsein verlor. Alle anderen schafften es mit Mühe und Not. Ake fasste Ming irgendwie und schleifte ihn bei der Flucht durch den Gang mit. Es gelang ihnen tatsächlich, die Gruft lebend zu verlassen, die Krone im Gepäck.
Heftig zitternd setzten sie sich an den Rand des Wasserbeckens. Stella und Annelie bemühten sich, die Wunden so gut es ging zu versorgen. Hier traf man auch Darre und Beagan wieder, die um keine Ausrede verlegen waren, um ihr plötzliches Verschwinden in der Gruft zu erklären. Niemand hörte ihnen zu, jeder wusste, was er von ihnen halten sollte und was sich schon wieder einmal bestätigt hatte. Aber was sollten sie tun? Darre war ihr Schicksal und Beagan hatte sich in der kurzen Zeit schon als zu nützlich erwiesen, um ihn zu entlassen. Also musste man wohl irgendwie mit ihnen zurechtkommen.
Notdürftig hergerichtet stand Ming auf, ging auf Beagan zu und fragte ihn in barschem Ton und mit einem Blick, der sich nicht darum bemühte, seine offensichtliche Verachtung irgendwie zu verschleiern: „Die Lichanweisungen – wo finde ich die?“ Kühl grinsend und nicht im geringsten eingeschüchtert antwortete Beagan ganz ruhig: „In einer weiteren Gruft, etwas höher am Berg gelegen. Ob Ihr die in Eurem Zustand noch schafft, kann ich nicht sagen. Rennt über den verfluchten Boden, die Zombies werden erwachen, aber den Berg hoch verfolgen sie Euch nicht. Die Gruft werdet Ihr schon finden.“
„Klar werden wir die finden, aber DU KOMMST MIT!“ bemerkte Ming sehr deutlich. Die anderen waren hinzugekommen und schauten so finster, dass Beagan sich genötigt sah, einzulenken. „Ok, ok, ich komm ja schon“ er begleitete seine lapidaren Worte mit einer wegwerfenden Handbewegung und führte die Gruppe nun wieder mit Darre zusammen an, der zu dem ganzen Streit nicht einen Mucks geäußert hatte.
Es war, wie Beagan gesagt hatte: Die Zombies standen auf, verfolgten die Freunde aber nicht lange, so kam man ungeschoren zur zweiten Gruft. Auch hier gab es wieder Fallen und Skelettkrieger. Das Kämpfen fiel unseren Freunden immer schwerer. Inzwischen waren alle (bis auf die beiden Feiglinge) schwer angeschlagen. Mings Zauberpunkte waren aufgebraucht, Khamul hatte noch einige, wollte sich diese aber für ein Stadtportal aufheben. Auch Annelies und Stellas Zauberkräfte waren bereits auf ein Minimum zurückgegangen, so dass man nicht mehr zu heilen wagte. Aber sie hatten es ja auch schon fast geschafft.
Ein schmaler, abwärts geneigter Gang führte zum angestrebten Raum. Auch dieser war wieder von Mumien bewacht. Zwei waren wach, die anderen schliefen. Auf einem Grabhügel im Zentrum des Raums fanden die Freunde die gesuchte Rolle und stellten fest, dass sie hier den Mumien nicht durch eine Flucht würden entkommen können, denn sie waren schon zu nahe gekommen und ließen niemanden mehr vorbei. Also verbrauchten Stella und Annelie ihre letzten Zauberpunkte, um zweimal „Untote vertreiben“ zu sprechen. Es gelang: Die Mumien zogen sich augenblicklich zurück, die Freunde konnten die Gruft verlassen, und als sie vor Feinden in Sicherheit waren, konnte Khamul alle mit seinem Stadtportal direkt ins Schlafzimmer des Jarls teleportieren.
Dieser war mehr als überrascht und hocherfreut, die Krone zu sehen. Für lange Gratulationen hatte man aber keine Zeit. Es war schon nach 12, man musste sich beeilen, um die Schnellfähre nach Guberland zu erreichen.