Kafka- Die Verwandlung (Leseclub)

Bücher (die aus Papier :), Geschichten, Gedichte (gern auch Selbstgeschriebenes) sowie literarische Verfilmungen sind Themen dieses Forums.

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naria
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Beitrag von naria »

Hm, mir kommen diese ganzen Interpretierungen in Richtung Schutzpanzer/Zerbrechlichkeit, Abgrenzung von der Gesellschaft und Ausbeutung des Menschen als Arbeiter recht willkürlich vor, so als ob die Interpreten versuchten, das Werk um jeden Preis in die damalige Strömung des Individualismus mit Bezug auf die Lehren von Marx und Engels reinzudrücken. Noch weniger geaffeln mir persönlich diese Selbstbiographie-Deutungen nach Carl-Gustav-Jung-Methoden ... Für mich steht immer noch der Abscheu im Vorderugrund ... Ich begründe das mal damit, dass Kafka andernfalls auch beispielsweise einen niedlichen Marienkäfer hätte nhemen können, oder einen hübschen Kartoffenkäfer, um mal die Schädlings-Interpretation gleich auch mit abzudecken. Außerdem betrachte ich auch die Wahl des Titels, und der ist ja "Die Verwandlung" und nicht zum Beispiel "Der Käfer" oder ähnliches. Ausgehend davon, dass es vor den an die Hundert Jahren noch üblich war, einem literarischen Werk einen Titel zu geben, der auf den Hauptgesichtspunkt hinweist (und nicht etwas sowas wie "Der rote Himmel an einem Dienstag" oder son Käse, wie neumodische Bücher ja oft heißen), nehme ich also an, dass die Verwandlung an sich wichtiger ist als der Zustand danach. Das zeigt meiner Meinung nach auch der Schreibstil, der am Anfang wie bereits gesagt nüchtern ist, unmittelbar nach der Verwandlung am stärksten emotionsgeladen ist und gegen Ende (antithetisch zu der sich zuspitzenden Handlung) wieder ruhiger und rationaler wird (zumindest habe ich es so empfunden). Wäre der Zustand des Käfer-Seins die hauptsächliche Thematik, müsste sich das meiner Ansicht nach auch in dieser Hinsicht widerspiegeln. Einen weiteren Hinweis gibt mir die Figur des Prokurists, der ja , wie ihr mir sicher alle zustimmen werdet, den Druck der Arbeits-und-Leistungsgesellschaft verkörpert. Und diese Figur ist mir einfach zu schwach, als dass sie den Hauptantrieb der Geschichte darstellen könnte.
Für mich ist die Geschichte weniger autobiographisch-psychologisch und auch nicht in erster Linie gesellschaftskritisch (was für ein schönes Schlagwort), sondern eher emotional geprägt. Für mich ist sie ausgerichtet auf das Denken und Fühlen der Einzelperson Gregor, natürlich im Rahmen und unter dem staken Einfluss der gesellschaftlichen Attitüde, und das Zurechtkommen mit einer ungewollten Veränderung des Körpers, über die er keine Kontrolle hat, als menschlicher Urangst.
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Beitrag von NamelessOne »

Moin zusammen,

Hier mal mein Versuch, die Handlung zusammenzufassen und zu verstehen:
Am Anfang der Geschichte klagt Gregor über seine Arbeit und den daraus resultierenden Stress. Er muss früh aufstehen, um den Zug zu kriegen, die Mahlzeiten sind unregelmäßig und nicht zuletzt hat er Angst vor dem Chef. Er versucht seine Lage zu relativieren, da er ja der einzige Geldverdiener der Familie ist (Schwester zu jung, Mutter krank, Vater zu alt? ...weiss ich jetzt net mehr genau) und somit die Verantwortung hat.
Dieser Zustand ist der "Motor" der Verwandlung, den er in Form des Käfers entflieht.
Die Wahl dieses "ekligen" Tieres drückt seine empfundene Abscheu - nicht für sich, sondern gegenüber (dem Verhalten) seiner Familie aus. Dem Panzer kommt im weiteren Verlauf der Geschichte eine besondere Bedeutung zu. Als Schutz scheint er nicht zu funktionieren, da der vom Vater geworfene Apfel in ihm steckenbleibt und wohl ursächlich für Gregors späteren Tod ist. Auch diese Szene zeigt sein angespanntes Verhältnis zu ihm.
Im weiteren Verlauf wird die Anpassung der Familie an die neue Situation beschrieben, die nun plötzlich alle doch arbeiten können - ganz zu schweigen von den Ersparnissen, von denen Gregor nichts wusste.
Am Ende der Geschichte hat man den Eindruck, eine neue glückliche Familie ist geboren, auf Gregor kann/konnte verzichtet werden ...

In der Tat: echt ätzend.
Trotzdem, ums mal vorsichtig auszudrücken, kann ich mir vorstellen, Paralleln in der Gesellschaft zu wiederzufinden. :unschuldig:

Mit dem Bild "die drei Untermieter" kann ich leider nichts anfangen ...
Wer will, findet Wege - wer nicht will, findet Gründe.
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stone
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Beitrag von stone »

naria hat geschrieben:... die Figur des Prokurists, ...
Mal den Besserwisser spielen:
Die Prokura (ital. procura, Vollmacht, von lat. procurare, für etwas Sorge tragen, zu pro, für, und cura, Sorge) ist eine handelsrechtliche Vollmacht mit gesetzlich festgelegtem Inhalt, die ausdrücklich und persönlich erteilt werden und in das Handelsregister eingetragen werden muss. Sie ermächtigt nach deutschem Handelsrecht gem. § 49 Abs. 1 HGB "zu allen Arten von gerichtlichen und außergerichtlichen Geschäften und Rechtshandlungen, die der Betrieb eines Handelsgewerbes mit sich bringt" - und wer diese Vollmacht erhält wird Prokurist genannt.

Was Du meintest ist wohl "Protagonist".
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Cloud
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Beitrag von Cloud »

Nein, Prokurist war schon korrekt, das ist seine Bezeichnung im Buch.

Außerdem, was für einen Sinn sollte bitteschön die Bezeichnung "die Figur des Protagonisten" in Narias Aussage denn dann besitzen? Soll das beschreiben, ob er dünn oder dick ist :))
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naria
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Beitrag von naria »

*lol*

@stone: :schmoll:
[beleidigt-sei-wegen-dieser-Verdächtigung-Modus on]
Geh davon aus, dass ich als Student zu Fachwörtern ein spezielles Verhältnis habe. Die Benutzung von Begriffen, deren Definition mir nicht bekannt und bewusst ist, ist nur in solchen Fällen zu empfehlen, in denen die Diskussionspartner diese Wörter höchstwahrscheinlich nicht kennen und somit auch das Halbwissen nicht aufdecken können (z.B. Wenn man einen Vortrag in einem fremden Fachbereich hält :D ). In diesem Board ist mir aber klar, dass JEDER fehlerhafte Gebrauch von Fachtermini von irgendjemandem bemerkt und auch kritisiert werden würde, was für mich blamabel wäre. Deshalb würde ich mich hier auf so etwas nie einlassen, und die sachliche Richtigkeit meiner Posts ist daher GARANTIERT.
Zudem ist vorrauszusetzen, dass jeder, der an einer ernsthaften literarischen Diskussion teilnimmt, den Begriff "Protagonist" zumindest kennt, und zumeist auch zuordnen kann.
[beiedigt-sei-Modus off]
So, du Besserwisser, jetz hab ichs dir aber gegeben ;)

:D

Der Prokurist ist in der Erzählung der Vetreter von Gregors Firma, die in deren Namen Druck auf ihn ausübt, also in der Tat eine Art Bevollmächtigter.
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stone
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Beitrag von stone »

Verdammt ... an die Figur konnte ich mich gar nicht mehr erinnern .... :unschuldig:

Naja, ich nehme halt alles zurück und behaupte das Gegenteil .... und ich bitte um Vergebung ... :beten:

Meine Schulzeit ist wohl doch zu lange her, um aus dem Gedächtnis noch mitreden zu können. ;)
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mithomasMIT
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Beitrag von mithomasMIT »

Hy!

Bin vom Urlaub zurück.

Ich hab' die Verwandlung auf einer Busfahrt von 24Stunden gelesen. Es hat auch geregnet und die menchsen neben mir waren recht langweilig... Langsam an hatte ich genug von der Welt um mich und hab das Buch geöffnet.

Da ich kurz vorm Urlaub mit meinem Scheff bisschen ärger hatte, konnte ich mich gut in Gregors Geschichte einleben.

Ich fand die Geschichte ganz deprimierend (vielleicht auch wegen des Wetters :)) )

Mir hat am besten die Szene mit dem Apfel gefallen :D Am ekligsten war dass der Apfel in seinem Rücken weiter schimmelt und schimmelt.

Tja Gregors verwandlung war am merkwürdigsten, aber die Verwandlung der ganzen Familie ist vielleicht auch nicht zum Verachten.

Gregors Verhalten ist ganz "vernünftig", er hat gar kein Problem mit seinem Aussehen, (ich kann mich auf gar keine Szene mit nem Spiegel oder so erinnern)... Dabei denk ich, dass Gregor sich schon längst wie ein Ungeziefer, ein Insekt fühlt, der wie zB ne Ameise herumläuft und Brocken sammelt.
"Denn wisse, stets ist es das Weib, mit dessen Hilfe der Dämon in die Herzen der Männer eindringt"

/Umberto Ecco: Der Name der Rose
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