Andreas Eschbach - Eine Billion Dollar

Bücher (die aus Papier :), Geschichten, Gedichte (gern auch Selbstgeschriebenes) sowie literarische Verfilmungen sind Themen dieses Forums.

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Karyptis
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Andreas Eschbach - Eine Billion Dollar

Beitrag von Karyptis »

Tagchen,

man stellt sich einen einfachen Pizzalieferanten italienischer Herkunft in Amerika vor. Seine Eltern waren arm, aber glücklich, seine Beziehung endete unglücklich und sein einziger Freund, mit dem er sich eine Wohnung teilt, der ihn versteht, interessiert sich nur dafür, dass er regelmäßig die Miete zahlt. Was für eine Zukunft kann derlei Mensch haben?

Angesichts des gesellschaftlichen Systems, wonach die Elite sich selbst erhält, wohl eine sehr einsame, traurige und höhepunktlose Zukunft. Das einzige, was er von ihr erwartet, ist auch genau dieses Bild.

Was wäre, wenn eine Anwaltsfamilie eines Tages ein Schreiben an jenen jungen Menschen verfasst, mit der Bitte, möglichst in ihrem Hotelzimmer, in welchem sie residieren, aufzutauchen. Einen Pass sollte er mitbringen, er wäre doch wichtig, um das Erbe antreten zu können.

Ein Erbe. An sich kämen eine ganze Reihe von Güter dafür in Frage. Dies allein macht ihn zwar glücklich, stellt ihn allerdings vor neuen Fragen: Vor allem spielt jedoch die Tatsache mit hinein, dass er gar nicht weiß, dass jemand in seiner Verwandschaft gestorben ist. Wer war also der mysteriöse Gönner?

Dennoch, einen Versuch ist es wert und notfalls kann man ablehnen. Mit viel Mut kämpft er sich dorthin, letztendlich auch gegen das Gefühl, reichlich unpassend gekleidet zu sein - die Menschen scheinen sehr viel Geld zu besitzen, das Hotel ist auch nicht von schlechten Eltern. Alles in allem ein merkwürdiger Ort, in welchem er sich reichlich unwirklich vorkommt.

Als er hört, dass es nur Gutes ist, was er erbt, ist er glücklich und erleichtert. Langsam bereiten ihn die Anwälte darauf vor - denn was der Junge am Ende erbt, ist dermaßen viel, dass es das Bruttoninlandsprodukt einiger Länder im Verlauf eines Jahres übersteigt.

.... nur eine einzige Bedingung ist mit diesem Geschenk verknüpft:
Er soll den Menschen die verlorene Zukunft bringen.

Wie er das machen soll, das weiß niemand. Die Anwälte sind von skeptisch bis hin zu zuversichtlich alles, weshalb er seiner Zukunft hilflos ausgeliefert ist. Stimmen aus der Vergangenheit tauchen auf, wollen ihm an sein Geld....
... und an sein Leben.

Und immer wieder die Frage, wie er diesen Wunsch erfüllen soll. Was immer die Zukunft der Menschheit ist, er muss sie lernen.

Wie es zum Geld kam, wie er selbst dieses Glück erhielt und ob es letztendlich Segen oder Fluch darstellt, wird nach und nach gelüftet. Dabei werden Ideen aus dem gesamten geschichtlichen Zeitraum verwendet und Philosophien über das Geld vermittelt, die alles andere als Fiktion sind - leider. Alle Aussagen klingen irgendwo plausibel und lassen sich nachvollziehen, ich habe darüber schon mit einigen Lesern geredet, diskutiert. Diese Tatsache ist überraschend und erschreckend:

Quellen für die Bücher ->
Rede Nelson Mandelas,
Giovani Sartori ("Demokrathietheorie", Darmstadt 1992),
Gerald Boxberger und Harald Klimenta ("Die 10 Globalisierungslügen"),
Larry Hannigan ("I Want The Earth Plus 5%")
Umberto Eco ("Auf dem Wege zu einem neuen Mittelalter")
Artikel in den Ausgaben 39 / 1996 S.82 und 25 / 1999 S. 121
Die Konferenz in Fairmont in San Francisco 1995 mit Michail Gorbatschow,
Günter Purwig ("Ohne korrekte Bilanz keine korrekte Ökonomie")
Carl Amery ("Adolf H. als Vorläufer") (Eschbach dazu: die einleuchtendeste und grauenvollste Analyse der NS-Zeit)
.... sowie noch drei Seiten anderer Quellen...

Tatsache ist, dass es erschreckend sein mag, was für Gedanken veröffentlicht werden. Fakt ist aber, dass sie Realität sind - und das war der Grund, wieso sich so mancher peinlich ertappt fühlte. In einer Welt, die von Geld und Medien bestimmt ist, zählt eben die Fähigkeit zu verdrängen.

Denn wer nachdenkt, ist Außenseiter, verrückt...
... oder beides.


Censere
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Thies
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Beitrag von Thies »

Ich habe das Buch (als Taschenbuch mit gut 900 Seiten) in den letzten 8 Tagen durchgelesen und bis auf ein paar kleine Längen gegen Ende hin war ich richtig begeistert.

Sicherlich erscheint es erstmal unvorstellbar, dass jemand 1 Billion Dollar erbt ( = 1.000 Milliarden Dollar), aber das gesamte gerüst des Buches basiert auf finanz- und betriebswirtschaftlichen Fakten und ist eine nachvollziehbare Idee einer möglichen Entwicklung der Welt. Die man im übrigen einem deutschen Autor kaum zutraut :)

Wer es sich bestellen will, hier ist der Link zu Amazon:

Eine Billion Dollar @ Amazon

Wer hat ds Buch noch gelesen??? Mich würde Eure Meinung interessieren!

Frank-Andre
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P.S. @ Censere: ich wollte gerade selber den Thread aufmachen zu diesem Buch, als ich Deinen Beitrag sah. Zufall ???? :D :D :D
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Baerbel
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Beitrag von Baerbel »

Ich habs zu Weihnachten bekommen und werd in den nächsten Tagen anfangen zu lesen. Anfangs war ich ein wenig skeptisch, weil das nicht unbedingt mein bevorzugter Lesestoff ist, aber ihr macht mich neugierig :)
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Thies
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Beitrag von Thies »

Ich kann Dir versprechen, dass es gut geschrieben, logisch aufgebaut und sehr interessant strukturiert ist. Sicherlich sollte man "Wirtschaftsthemen" etwas mögen, das macht das lesen "leichter", aber der Spannungsbogen ist auch so sehr gut!

CU

Frank-Andre
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Karyptis
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Beitrag von Karyptis »

P.S. @ Censere: ich wollte gerade selber den Thread aufmachen zu diesem Buch, als ich Deinen Beitrag sah. Zufall ????
Mahlzeit!

Nein, Frank, es ist kein Zufall - das "Buch" will es so, das "Buch" weiß alles :D

Aber wegen der Tatsache, denn es handelt sich leider um eine, dass BWL-Kundige es mit dem Buch einfacher haben: Das stimmt zunächst einmal. Allerdings wird die Hauptfigur eben so dargestellt, wie es sicherlich auch die Mehrzahl der Leser sein werden: Jene werden nicht unbedingt BWL studiert haben. Daher wird alles schön aufgerollt und entsprechend gut erklärt.

Die vorgeschlagenen Ideen, zum Beispiel den "Einbau" eines Prozentsatzes an Gebühren für den Devisenhandel, fanden sich im Zuge meines BWL-Leistungskurses nicht. Wieso auch? Grundsätzlich arbeitet man gern mit Modellen, da "schaden" solche individuellen Betrachtungen arg. Wenn der vorhergehende Satz von mir stammen würde, wäre für mich die Welt ja in Ordnung - leider ist das aber die still akzeptierter Tatsache vieler Lehrer: Man vereinfacht, um entsprechenden Lernstoff leichter vermitteln zu können. Dadurch geht in vielerlei Hinsicht die Realität verloren - und beim Thema "Geld" auch Menschenleben, was allzu gern vergessen wird (siehe Thema "BSP/ BIP - Was wird nicht berücksichtigt, was fehlt").

Es ist das klassische Spiel der Natur. Die Menschheit denkt, sie sprenge zunehmend die "Ketten" des Natürlichen: Fressen und gefressen werden. Allerdings verschiebt sich alles neu, das Spiel findet nicht mehr im Dschungel oder Wald, nein, wohl eher innerhalb Betonmauern und im Schilderwald statt. Das Ende jener Kette findet sich in der Dritten Welt. Dort, wo Kinder auf Müllhalden nach verwertbaren Resten suchen, mit dem Vater und einer Ladung Dynamit fischen geht. Wer schuld daran ist? Letztendlich ist die Antwort relativ - und genau deswegen empfehle ich dieses Buch.

Es zeigt ziemlich deutlich, was sich hinter dem System der Wirtschaft befindet - wie durch Regelungen 1/3 der Menschheit beschützt werden, werden zwei Drittel zusehen können, wo sie bleiben. Hauptsache die Geldlunge atmet, das Banknotenherz schlägt weiter. Denn eine Wirtschaft, die nicht wächst, stirbt - und mit ihr auch die "ungerechte Symbiose".

Ein paar wirklich gute Ideen, noch wichtigere Werte und ein überraschendes Ende - dieses Buch hat das Potential, vielen die Augen zu öffnen. Denn das Elend, das einst von der "zivilisierten Gesellschaft" (wie ein anderer unsinnigerweise behauptete) weggeschoben wurde, kriecht langsam wieder zurück. Aufhalten kann es niemand, denn die Spitze der Reichen wird kleiner, während alles andere gen Abgrund reitet, bzw. geritten wird. Man könnte es gesellschaftlichen Fortschritt nennen, möchte man die Augen verschließen. Führende Experten und Philosophen haben diese Entwicklung aber vor Jahren vorausgesagt - und es wäre töricht, ihnen zu widersprechen. Andererseits: Wer will auch schon an einem bestehenden System etwas ändern? Viele einstige "Krieger" haben heute den Mut verloren.

All dies wird in jenem Buch ebenso aufgegriffen, verarbeiten und geschickt eingebunden. Ansichten verschiedenster Bereiche (Religion, Wirtschaft und Philosophie) werden eingepflegt/ eingekämmt und im Zuge der Geschichte immer wieder aufgegriffen - DeJaVus entstehen, die über die Fiktion des Buches hinausgehen können und auch sollen.

Kurzum: Ein gutes Buch ;)

Grüße

Censere
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luckyjoker
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Beitrag von luckyjoker »

ich habe es geliebt! wie alles von eschbach!
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