Seite 1 von 11
Kopftuch-Streit
Verfasst: Di 06.01.2004 - 21:51
von gelbe Wiesenameise
Johannes Rau forderte, alle religiösen Symbole aus der Schule zu verbannen (Hintergrund: Kopftuch-Streit).
Was meint Ihr dazu?
gelbe Wiesenameise
Verfasst: Di 06.01.2004 - 21:54
von RuneDragon
ich möchte mal die meinung meines ehemaligen lehrers sagen:
wenn diese leute nach deutschland kommen haben sie sich auch unseren sitten anzupassen, das heißt kein kopftuch
Verfasst: Di 06.01.2004 - 22:01
von Manni_B
... was Johannes meint, ist mir schnurzegal. Schule ist kein Tempel!
Religionen haben sich lange genug (und tun es noch immer) in Politik eingemischt.
Religionen sind für's Jenseits zuständig und sollen sich aus diesem Leben heraushalten.
P.S. Ich habe mir gerade die Abstimmung angesehen: 100% sind für Punkt 1.

Verfasst: Di 06.01.2004 - 22:22
von Dylan
Hi @ll
so einfach ist es nicht aber meine Stimme für "Sämtliche Religion aus der gesamten Öffentlichkeit verbannen!"
http://www.taz.de/pt/2004/01/05/a0195.nf/text.ges,1 hat geschrieben:
LEHRER MÜSSEN AUF RELIGIÖSE SYMBOLE VERZICHTEN KÖNNEN
Kein Kopftuch. Keine Kippa. Kein Kreuz
Wer das Kopftuch verbiete, dürfe die Mönchskutte nicht dulden, sagt Bundespräsident Rau (SPD). Das sei nicht vergleichbar, weil das Kopftuch anders als das Kreuz die Unterdrückung der Frau symbolisiere, hält Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) dagegen. Die Haltung im Streit um Kopftuch, Kippa und Kruzifix im Klassenzimmer lässt sich offenbar keiner parteipolitischen Richtung zuordnen. Dass Sozialdemokraten muslimische und christliche Symbole eher gleich bewerten und ohnehin mit einem laizistischen Schulsystem sympathisieren, diese Simplifizierung greift nicht.
Rau und Thierse trennt nur scheinbar die Weltanschauung. Tatsächlich argumentieren sie auf unterschiedlichen Ebenen. Rau interpretiert das Tuch als religiöses Symbol, Thierse sieht in ihm das Stoff gewordene Exempel einer Ideologie, die elementare Menschenrechte unterwandert. Dies mag zwar in vielen Einzelfällen stimmen. Doch ist zweifelhaft, ob der Gesetzgeber angesichts von etwa 70 islamischen Strömungen allein in der BRD entscheiden kann und darf, dass ein Kopftuch zwangsläufig Unterdrückung bedeutet.
Letztlich geht es um die Frage, welches Ideal des Staatsbeamten wir gesetzlich vorgeben möchten. Muss sich der Lehrer einer staatlichen Schule für den Unterricht zumindest formal in ein weltanschauliches und religiöses Neutrum verwandeln? Oder dulden wir einen Meinungs- und Religionspluralismus - auch gegenüber Grundschülern?
Wer sich über Rau empört, ignoriert einen wichtigen Argumentationspartner an seiner Seite: das Bundesverfassungsgericht. Es urteilte im Sinne des Präsidenten: Entweder toleriert man sämtliche religiösen Symbole im Klassenzimmer - oder verbietet alle auf der Grundlage der Gleichbehandlung. Akzeptiert man zusätzlich Thierses Einwand, das Kopftuch sei zumindest in vielen Fällen ein Zeichen der Unterdrückung der Frau, überzeugt nur eine Lösung: Ein Verbot sämtlicher religiöser Symbole im Unterricht. Das heißt nicht, das Religion gänzlich aus dem öffentlichen Leben verschwindet und Schüler zukünftig ohne jegliche ethische oder religiöse Orientierung aufwachsen. Schließlich bieten die meisten Bundesländer Religionsunterricht an, in jeder Kleinstadt gibt es konfessionelle Schulen. Doch eine Gesellschaft mit rund drei Millionen Muslimen und weit mehr, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, lässt sich nicht mehr frag- und konfliktlos unter ein christliches Leitbild subsumieren. Dies sollten zumindest jene respektieren, die sich als Lehrer im Staatsauftrag zu einer weltanschaulich neutralen Erziehung verpflichtet haben." COSIMA SCHMITT
taz Nr. 7249 vom 5.1.2004, Seite 11, 56 Zeilen (Kommentar), COSIMA SCHMITT
Verfasst: Di 06.01.2004 - 22:39
von Cassie
...und bitte alle Kreuze aus den Klassenzimmern, die größer sind als 5 cm! *nach Bayern schiel*

Die gehen mir schon in unserem einen Krankenhaus auf den Geist

das andere ist zum Glück städtisch.
Ich finde das französische Gesetz, das vor kurzem verabschiedet wurde, sehr gut und finde, das können wir ruhig kopieren.

Verfasst: Di 06.01.2004 - 22:44
von hafensaenger
Es ist schon ein Kreuz mit den Kreuzen. Wie gesagt, bei allem was man tut, man sollte die Kirche doch wenn möglich im Dorf lassen. Das gilt insbesondere für Schulen und öffentliche Einrichtungen. Nichts gegen Religionen und Glaubensfreiheit, aber man sollte keine Pedanterie und keinen Fanatismus damit betrieben werden.
Egal ob es nun um Kopftuch, Burka, oder Kreuze geht.
Verfasst: Di 06.01.2004 - 22:51
von Baerbel
Ich halte es für Heuchelei der Politiker, das Kopftuch als störenden Ausdruck einer Religion einzustufen und aus den Schulen zu verbannen. Es hat doch bisher niemanden gestört, wenn in der Schule das Fach Religion gelehrt wurde oder Kreuze an der Wand hingen - warum sollten da Kopftücher stören? In meinen Augen ist es eine Abwägung, hinter wen man sich stellt. Unterstützt man die Menschen, die Ausländer am liebsten aus deutschen Schulen verbannen würden oder stellt man sich hinter die "Ausländer"? Die bisherigen Erwägungen zeigen mir, dass man den Weg des geringsten Widerstandes geht. Ich bin nur gespannt, ob man auch bei der Verbannung christlicher Religionssymbole aus Schulen so konsequent vorgehen wird. Das Problem am Kopftuch ist doch, dass es sichtbar ist. Könnte es unter der Kleidung getragen werden, wie z.b. das christliche Kreuz an der Kette, würde sich kein Mensch daran stören.
Trotzdem bin ich absolut der Meinung, dass Religion in einer Schule nichts zu suchen hat. Für Religionsunterricht gibt es andere Möglichkeiten. Aber solange die Politik es nicht schafft, Kirche und Staat zu trennen, solange wird Religion immer alle angehen, ob man es will oder nicht - man wird einfach dazu gezwungen.
Ich bin z.b. als Arbeitsloser verpflichtet, Kirchensteuer zu bezahlen, egal ob ich in der Kirche bin oder nicht. Die Kirchensteuer gehört zu den vom Bund festgelegten Abzügen, dagegen kann ich absolut nichts tun. DAS ist in meinen Augen ein dickes fettes Unrecht und gehört endlich abgeschafft!
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:08
von Therak
@Baerbel
Nicht ganz, die Kreuze wurden ja schon vor einiger Zeit entfernt - aber mit dem Religionsunterricht haste recht. Wenn man alle religiösen Zeichen aus der Schule verbannen würde, müßte das gleiche mit dem Religionsunterricht geschehen... aber das gäbe natürlich wieder einen gewaltigen Aufschrei.
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:09
von gelbe Wiesenameise
Baerbel hat geschrieben:
Trotzdem bin ich absolut der Meinung, dass Religion in einer Schule nichts zu suchen hat. Für Religionsunterricht gibt es andere Möglichkeiten.
Welche?
Baerbel hat geschrieben:
Ich bin z.b. als Arbeitsloser verpflichtet, Kirchensteuer zu bezahlen, egal ob ich in der Kirche bin oder nicht. Die Kirchensteuer gehört zu den vom Bund festgelegten Abzügen, dagegen kann ich absolut nichts tun. DAS ist in meinen Augen ein dickes fettes Unrecht und gehört endlich abgeschafft!
Was meinst Du mit: Egal, ob ich in der Kirche bin oder nicht?
Bist Du nun aus der Kirche ausgetreten oder betrittst Du nur das Kirchengebäude nicht?
gelbe Wiesenameise
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:18
von gelbe Wiesenameise
Therak hat geschrieben:@Baerbel
Nicht ganz, die Kreuze wurden ja schon vor einiger Zeit entfernt - aber mit dem Religionsunterricht haste recht. Wenn man alle religiösen Zeichen aus der Schule verbannen würde, müßte das gleiche mit dem Religionsunterricht geschehen... aber das gäbe natürlich wieder einen gewaltigen Aufschrei.
Man könnte auch gleich die Weihnachtsferien, die Osterferien und die Pfingstferien abschaffen.
Eine Trennung von Staat und Kirche würde nicht nur die Schule betreffen. Es würde auch die Behörden und öffentlichen Plätze betreffen. Also auch keine Kreuze mehr am Straßenrand, keine Weihnachtsbäume mehr auf öffentlichen Plätzen und auch keinen Weihnachtsmarkt. Das gleiche gilt für alle kirchlichen Feiertage und streng genommen auch für den Sonntag.
gelbe Wiesenameise
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:19
von Baerbel
Meisi, Religionsunterricht kann z.b. in Kirchen, Pfarrhäusern oder ähnlichen Räumlichkeiten stattfinden. Und selbstverständlich bin ich aus der Kirche als Institution ausgetreten, vor Jahren schon. Dass man Kirchensteuer bezahlen muss wenn man eine Kirche (Gebäude) betritt wäre mir wirklich neu....
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:31
von gelbe Wiesenameise
Baerbel hat geschrieben:Meisi, Religionsunterricht kann z.b. in Kirchen, Pfarrhäusern oder ähnlichen Räumlichkeiten stattfinden. Und selbstverständlich bin ich aus der Kirche als Institution ausgetreten, vor Jahren schon.
Ohne Job musst Du Kirchensteuer bezahlen - und mit Job nicht?
Das ist echt eigenartig.
gelbe Wiesenameise
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:33
von Shadow-of-Iwan
aus diesem grund regt sie sich ja auch drüber auf

und andere auch...
Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:33
von hafensaenger
Meisi , natürlich könnte man die Feiertage abschaffen auch wenn der Gedanke eher abwegig und sarkastisch klingt.
Im zweiten Falle übertreibst du maßlos. Nur weil man Staat und Kirche trennt(trennen möchte), wird uns nicht der Himmel auf den Kopf fallen (wie die Gallier so schön sagen). Deswegen muss man auch nicht unbedingt auf Feiertage verzichten, die ihre Wurzeln in kirchlicher Tradition haben.
Das gleiche gilt für alle kirchlichen Feiertage und streng genommen auch für den Sonntag. Weil man das eine tut muss man das andere nicht lassen.
Manchmal hörst du dich an wie ein gewisser Radikalchrist den ich stark vermisse

Stieß da in einem anderen Forum komischerweise fast zeitgleich auf einen sehr ähnlichen Thread von einem gewissen Eponine.
Der anschließende Chat gestern abend im MM-Board von 23 Uhr bis ca. 2 Uhr untermauerte meinen Verdacht. Danke Stella

Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:45
von Dylan
Hi @ll
arbeitsamt.de hat geschrieben:
...
Das pauschalierte Nettoentgelt weicht in der Regel von Ihrem letzten tatsächlichen Nettoentgelt ab, weil
...
- die Kirchensteuer abgesetzt wird, auch wenn Sie nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft sind, und
...
SGB III hat geschrieben:
...
§ 136 Leistungsentgelt
...
2. für die Kirchensteuer die Steuer nach dem im Vorjahr in den Ländern geltenden niedrigsten Kirchensteuer-Hebesatz,
...
das sind hier glaub ich in Sachsen-Anhalt 10 € / Monat aber trozdem ne riesen Sauerei

Verfasst: Di 06.01.2004 - 23:58
von jdoge
Hallo zusammen,
@ Dylan, danke besser hät ich es nicht sagen können.
Aber nun mal zum eigentlichen Thema, ich bin gegen eine Verbannung von kirchlichen Symbolen aus Schulen und öffentlichen Gebäuden.
Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht und damit für mich auch das Tragen von religiösen Symbolen und außerdem, liegt die Intoleranz doch im Auge des Betrachters, oder?
Gruß JD

Verfasst: Mi 07.01.2004 - 00:05
von Shadow-of-Iwan
wenn in der schule ein großes kreuz über der tafel hängt hat das für mich aber nix mit religionsfreiheit zu tun...das is eher das gegenteil...
Verfasst: Mi 07.01.2004 - 00:05
von guenterherbert
Ja es ist chic zur Zeit für Freiheit in jeder Hinsicht einzutreten.
Sollen die Lehrerinnen (bei Bedarf) Kopftuch als religiöses Symbol tragen dürfen? Wenn ja wär es doch unfair dieses Recht den Schülerinnen vorzuenthalten. Im Sommer anstatt des Turnunterrichts ins Bad zu gehen, kein Problem, lustig mit dem Kopftuch im Wasser zu schwimmen. Ach ja, natürlich stört es mich (nur mal angenommen) als moslemischer Vater wenn meine 17 jährige Tochter beim Turnen die Beine entblößt. Daß es dabei fallweise auch zu Körperkontakten mit männlichen Mitschülern kommt, oh Allah, das geht nicht, darum, ich verlang einen extra Turnunterricht für meine Tochter. Und sollt meine Tochter einen (Auto)Unfall haben, natürlich darf sie, wenn es mit einer Entblößung verbunden ist, nicht von männlichen Ärzten behandelt werden.
Übrigens, ein anderes Beispiel: Meine Frau ist aus Afghanistan und möchte hier als Lehrerin die Burka tragen.
GÜ
Verfasst: Mi 07.01.2004 - 01:21
von Ein_Yak
Hey Mädels!
Ich persönlich habe nichts gegen religiöse Symbole, die eine Privatperson trägt. Insofern habe ich auch nichts gegen das Kopftuch oder das Kreuz am an der Halskette.
Wenn aber die Schule selbst religiöse Symbole benutzt, so lehne ich dies ab.
Die Lehrerin ist sicher ein Grenzfall. Hier überschneiden sich Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat - besser: sie widersprechen einander. Wenn aber der Lehrerin das Tragen des Kreuzes erlaubt ist, so muß auch das Tragen des Kopftuches möglich sein.
Für die von guenterherbert genannten Beispiele - sie sind ja schon etwas polemisch gefärbt - wenn sich eine einvernehmliche Lösung finden läßt, dann sollte diese auch bevorzugt werden. Letztlich ist es immer ein Kompromiß aus Anpassung an hiesige Sitten und Gebräuche und Beibehaltung eigener kultureller resp. religiöser Besonderheiten.
Verfasst: Mi 07.01.2004 - 02:05
von Joabary
Man sollte aber immer noch bedenken, dass Deutschland, trotz Religionsfreiheit, sich selbst in erster Linie als ein christliches Land sieht, d. h. ein Land, in dem die Mehrheit dem christlichen Glauben anhängt und dementsprechend das eigene, insbesondere das öffentliche Bild, geprägt wird. Und das finde ich auch richtig. So lange wie unser Land mehrheitlich christlich geprägt ist (und das ist es, und wenn es noch so viele Austritte aus der Kirche gibt; Austritt aus der Kirche ist ja meines Wissens noch nicht gleichbedeutend mit Absage zum christlichen Glauben), so lange haben Kreuze bzw. christliche Symbole ein "Vorrecht" an öffentlichen Orten - wie eben z. B. Klassenzimmern - anwesend zu sein.
Deshalb finde dich dass ein Kopftuch, das für mich ein direkter, gewollter, definitiver Ausdruck einer - in Deutschland nicht vorrangigen - religiösen Überzeugung ist, nicht getragen werden sollte. Alles andere wäre eine Degradierung solcher Kleidung zu bloßer, äh, ja, Kleidung.
Manchmal hörst du dich an wie ein gewisser Radikalchrist den ich stark vermisse Stieß da in einem anderen Forum komischerweise fast zeitgleich auf einen sehr ähnlichen Thread von einem gewissen Eponine.
Habs mir sowas schon gedacht... und zwar schon vor diesem Thread...
